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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
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tausend Tür- und Fensterlõchern perforiertes Gemãuer fiel der Blick auf den licht- übergossenenPlatz der Gefallenen und an der Platzecke auf die hohe Hausruine des Stalingrader Kaufhauses. Er warf auch einen Blick durch den schmalen Straßen- durchbruch auf die Stümpfe des nur durch eine Barrikade aus Sandsäcken und Stacheldraht vomPlatz der Gefallenen und dem Armeehauptquartier getrennten und mit Verwundeten belegten Theaterkellers.

Der Mann im Fahrermantel wanderte durch die Stadt. Er zog seine Spur durch eine tiefverschneite Balka, stieg am anderen Abhang wieder auf, zog wieder durch Haustore und vorbei an Säulen, ragenden Schornsteinen, Hausstümpfen über weiße Felder. Durch eine Ruine huschte ein mageres Russenmädchen und verschwand mit einem anfgelesenen Ende Holz in einem Loch. In einem Keller lag ein Verwunde- ter, rõchelte und war schon ohne Bewußtsein. Der Mann gelangte auf das zerbrochene Bahnhofsgelände. Vor dem Bahnhofsstumpf ein weiter Platz, jenseits eine Häuser- reihe, aus den Häusern brachen Flammen. Weiter durch den finsteren Schlauch einer Gleisunterführung, dort sperrten kaputte Fahrzeuge den Weg, es lagen Leichen herum, und Verwundete schrien.

Wieder eine sich von Stumpf zu Stumpf᷑ ausspannende Girlande krepierender Salven- geschosse, wieder Hausfassaden mit hohlen Fensterhöhlen, wieder ragende Schorn- steine, wieder aufspritzende Schutt- und Schneebäume von Granatwerfereinschlägen. Das massive schwarze Gemãäuer, gegen welches das Feuer sich richtete, war das ehe- malige weitläufige Gebäude des Volkskommissariats für Inneres, und anschließend das Stadtgefängnis.

Der Mann im langen Fahrermantel ließ das Stadtgefängnis hinter sich. Die feuernde Wand, der er entgegenschritt, erhob sich am Stalingrader Stadtrand. Wo die Wand einen dunklen Fleck zeigte, schritt er hindurch. Vor seinen Füßen breitete sich weites Land, die Steppe, über die er einmal, auf einem Panzer fahrend, hierhergekommen war. Auf dem gleichen Weg schritt er hinaus in die vom hohen Himmel überwölbte weiße Nacht.

Im Rücken blieb die Mondstadt mit Kratern, Schutthalden, geborstenem Asphalt, ausgebrannten Steingehäusen, mit stöhnenden Kellern, mit Höhle an Höhle ge- reihten straßenlangen Beinstätten voll siecher, Schorf- und wundenbedeckter Män- ner, tausend an der einen, tausend an der anderen, zweitausend, dreitausend an noch anderen Stellen, mit Goethe und Gesangbuch und Kognak und dem auf den Schutt geworfenen Spengler und van der Bruck, mit Heulen und Wimmern, mit dem körperlich und seelisch erschöpften Soldatenvolk.

Die Stätte der verlorenen Schlacht, des verlorenen Krieges, der Zenithöhe deutschen Machtstrebens, der schwersten NMiederlage in der deutschen Kriegsgeschichte, des tiefsten moralischen und politischen Falles des deutschen Volkes. Wo Manneswort vor Thronen Motwendigkeit der Stunde gewesen wäre, dröhnte ein einziges Hacken- zusammenschlagen von vierundzwanzig Generalen, wo nach dem Ausbleiben solchen Wortes Empörung der Soldatenmassen die Mauern der Generalsquartiere hätte um-

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