der übermächtig werdenden Forderung zu einer jähen, einer wilden, einer reinigenden Tat in vernünftige und sachliche Uberlegung.
Wie konnte es zur Desorganisation der Versorgung und des Abtransportes der Ver- wundeten kommen? Frstens: Behelfsmäßiger und schleppender Abtransport auf Leergũterzũgen bis in rückwärtiges Operationsgebiet haben dazu geführt, daß bei der Schließung des Kessels Zehntausende Verwundete in den Sanitätsstellen in und um Stalingrad lagen und auf Abtransport warteten. Zweitens: Bei dem überstürzten Rückzug blieben die Sanitätseinrichtungen jenseits des Dons zurück. Von den Sanitãtskompanien retteten sich nur Trümmer über den Don herüber. Die Leicht- verwundeten aus den Dörfern des Golubajatals und aus dem ganzen östlichen Teil des Donbogens, die zu Fuß in langen Zügen und auf allen erreichbaren Fahrzeugen über den Don herüberkamen, überfüllten die schon überbelegten Sanitätseinrich- tungen um ein Vielfaches ihrer Aufnahmefähigkeit. Prittens: Es war nicht mög- lich, genügend Betriebsstoff für notwendig gewordene Rückverlegung der Sanitäts- stellen zu erhalten, und so wurden beim Findrücken der Westfront des Kessels Geräte, Verbandmaterial, Zelte, Feldküchen, Verpflegungslager weggeworfen, und die zu Fuß nach rückwärts strebenden Züge der Leichtverwundeten überfüllten abermals die jetzt mangelhaft ausgerüsteten und improvisierten Sanitãtsstellen um ein Vielfaches ihres Aufnahmevermögens. Viertens: Ein Befehl der Armee verbot, Verwundete auf den Verbandplãtzen in Feindeshand fallen zu lassen. Die Folge dieses Befehls waren Straßen mit gefrorenen Soldatenleichen und steckengebliebene LKW-Kolonnen mit gefrorenen Verwundetenfrachten, und die weitere Folge war eine neue Welle gehfähiger Verwundeter, die jetzt schon wie eine Flut in die Sani- tätsstellen einbrach und keine Unterkunft, keine Verpflegung, keine Hilfe mehr erhalten konnte. Fünftens: Der Abtransport zum Flugzeug war von Anfang an und war im weiteren Verlaufe immer mehr gehemmt durch Kfz- und Brennstoffknappheit, und der Luft- abtransport war von Anfang an mengenmäßig unzureichend und gestaltete sich immer schwieriger dadurch, daß viele Transportffugzeuge den Flugplatz nicht erreichten, daß andere, behindert durch schlechtes Wetter oder durch heftige Boden- abwehr, nicht landeten, daß die gelandeten nur ganz kurze Zeit auf dem Flugplat? verweilten; so wurde das Ausfliegen, die einzige Hoffnung der Verwundeten, immer mehr zu einer trügerischen Hoffnung: zu einem gewaltigen Irrlicht in dem gewal- tigen Sumpf.
Sechstens— aber da verwirrte sich erstens, zweitens, drittens, viertens, fünftens, Sechstens. Dem Chaos gegenüber hört methodische Uberlegung auf, und es waren einzelne Bilder, die im Bewußtsein des Oberstabsarztes auftauchten. Schreckens- gesichte, wie Blasen aus dem Sumpf, durch den er siebzig Tage lang gewatet war, aufquellend und zerplatzend.
NMach der Aufgabe Wertjatschis war es bei Baburkin: Fine schneeverwehte Schlucht, und da steht ein Zelt. Rings um das Zelt herum liegen die Verwundeten im blanken
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