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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
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Schnee. Im ungeheizten Zelt drei Operationstische, ein Oberstabsarzt, ein Stabs- arzt, ein Oberarzt. Die Finger des Operateurs sind steif vor Frost. Der Inhalt in den Ampullen ist gefroren. Der fiebernde Leib auf dem Tisch ist wie ein Ofen. Aus der Wunde dampft es wie aus einem Waschzuber. Dem Stabsarzt beschlagen die Brillengläser. Dem Oberarzt tränen die Augen. Wie soll man da operieren! Und was wird aus den Männern, die aus dem Schnee kommen und wieder in den Schnee hinausgelegt werden? Die viel Blut verloren haben, sterben schnell. Die wenig Blut verloren haben, sterben langsam. Finige bleiben leben(das hängt nicht von viel oder wenig Blut, sondern von geheimnisvollen Kräften ab) und werden am andern Tag in die eilends von Leichtverwundeten, Sanitätern, Kriegsgefangenen, von allen verfügbaren Hãnden ausgehobenen Erdbunker gelegt. Dort haben sie(hauptsäch- lich) von ihren Reserven zu zehren, um dann bei der nächsten Rückverlegung auf der Strecke zu bleiben oder auf dem nächsten weiter rückwärts gelegenen Haupt- verbandplatz von der Welle noch einmal aufgespült zu werden. Die nächste Station war Bolschaja Rossoschka: Da sind sie, die wieder Angetriebenen, die körperlichen und seelischen Reserven verbraucht. Sie hoffen nicht mehr, und die Erwähnung von Hooth und Manstein läßt sie den Blick nicht mehr heben. Das Führerwort, nach welchem ihre Leiden sich in den größten Sieg der Geschichte umwandeln würden(noch bei Baburkin hat es die Augen aufleuchten lassen), berührt sie nicht mehr; sie glauben und hoffen nicht mehr. Diesem hoffnungslosen Schwemmgut aus aufgelösten Sanitätsstellen gesellen sich die Hoffnungslosen von der Front zu, wenig Verwundete, ein Teil Soldaten mit Frostschäden, die Masse Ermattete, Erschöpfte, Ausgezehrte, Dystro- phiker ohne Hungergefühl, ohne Wunsch, ohne Anteil am eigenen Ergehen. Auf dem Sektionstisch liegt eine Soldatenleiche und erzählt die Geschichte auch von allen andern. Der Leichnam ist 1,39 lang. Gewicht: 42 Kilogramm. Das Gewebe ist ausgetrocknet. Alles Suchen läßt nicht eine Spur Fett finden. Der Leichnam des Dystrophikers war ein Zeichen. Oberstabsarzt Simmering ver- stand es zu lesen. Um so wütender klammerte er sich selbst an das Führerversprechen, glaubte er selbst an das Raushauen, an die Entsatzarmee, trieb er seine Fahrer, Bei- fahrer, die Pferdepfleger, gefangene Russen(pei einer Krume Brot und einer dünnen Pferdesuppe) von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang an den Bunkerbau. Noch einmal schaffte er beheizte Unterkünfte für einige hundert Verwundete, und einige tausend Verwundete und tãglich neue Züge trieben ohne Hilfe vorbei. Und die näãchste Welle kam und ging über das Rossoschkatal und auch über den neu ein- gerichteten Hauptverbandplatz weg. Weiter: Der Kessel enger. Männer sterben ungezählt. Aber Verwundete, Kranke, Sterbende werden immer mehr. Auf enger werdendem Raum ziehen sich die Unter- gehenden konzentrisch zurück, und alle Straßen führen nach Gumrak. Das Bahnhofs- gebäude Gumrak ist das Feldlazarett, die Güterwaggons, einer hinter dem andern und Gleis neben Gleis, sind Krankenstuben. Im Bahnhofsraum liegen sie bis auf

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