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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
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gezeichnet. Ja, aber hier... hier verlangte es noch anderes als Planen und Denken, hier verlangte es eine grobe Hand, die eines Kommandeurs, der nicht nur denkt, der auch aus Eigenem handelt und der in einer sehr schweren Stunde rücksichtslos die Verantwortung auf sich nimmt. Aber eben das hat er nicht, nein, das hat er ganz und gar nicht!

Er leidet wie Christus am Kreuz und führt den Befehl durch! Pas sagte Carras zu dem Chef eines Korpsstabes, zum Oberstleutnant Unschlicht, der ebenfalls dem OB nachblickte. Unschlicht schaute Carras nur an, schlug dann den Mantelkragen hoch und war verschwunden. Miemals mehr würde man hier am gleichen Tisch versammelt sein. Es war ein Spuk, der hier auseinandertrieb.

Auch der Protest war nichts als spukhaft gewesen!

Und der General aus Gumrak wußte es selbst!

Was im nahen und weiteren Umkreis noch geschehen kann, geschieht und bewegt sich außerhalb menschlicher Bestimmung und ist schon Bewegung und Handeln von Gespenstern! Das Sagte er sich, als er den Torweg der Hausruine durchschritt, an dem salutierenden Posten und der dort aufgestellten 1o,5-cm-Haubitze vorbeikam und den weiten Platz betrat, der in dieser Stunde von kreidig-weißem Scheinwerfer- licht übergossen war und über dem Propeller von Flugzeugen heulten, die ihre Lasten an Verpflegung, Brote, Fleisch, Konserven, ohne Fallschirm abwarfen.

Der General ging an Barrikaden, an Sandsäcken, Stacheldrahtzäunen vorbei. Er Sah die Posten des Empfangskommandos herumstehen, hörte auch über den Platz peit- Schende Schüsse aus einem Karabiner. Er blickte sich nicht um danach und schlug den Weg zur Wolga und zu seiner Wohnruine ein. Dann überlegte er es sich anders. Ich will doch an den Stadtrand ziehen! Lassen Sie bitte unsere paar Sachen nach dorthin bringen! sagte er zu seinem Begleitoffizier. Er drehte sich um und ging über denPlatz der Gefallenen zurück.

Fluchen. Heulen. Ein General protestiert. Ein Major verweigert die Ausführung eines Befehls. Unterführer lassen Befehle unausgeführt. Das konnte den Lauf des Todes nicht anhalten. Weiter fielen die Männer am Stadtrand und an den Zugangs- straßen zur Stadtmitte. Weiter stellten sich Auffangkommandos auseinandergespreng- ten Truppen entgegen. Weiter durchkämmten Offiiersstreifen die Keller und mobili- sierten Verwundete, Frostbeschädigte und Kranke. Weiter starben in den Stalin - grader Plantagen des Todes deutsche Soldaten den Hunger- und Erschöpfungstod. Weiter krachten Schüsse der Proviantempfangskommandos und ratterten Feuer- stöße der Exekutionskommandos.

Da war an hundert Schritt vomPlatz der Gefallenen und dem Armeehauptquartier entfernt die hohe Ruine des ehemaligen Stadttheaters, die dem Plat? zugekehrte Seite im Dunkeln, die andere Seite vom Widerschein der Brände wie in roten Schaum getaucht. Der hohe Bau ausgebrannt und ohne Dach, die Mauern umfaßten nur noch ein Schuttfeld. Aber die unter dem Schutt liegenden Keller waren bewohnt, und Gãnge führten zu Nachbarruinen und zu Nachbarkellern. Ein ganzes in einzelne

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