Gewölbe aufgesplittertes Kellerdorf dehnte sich hier aus. Hier hatte vor anderthalb Tagen mit einer Splitterverwundung am Kopf Hauptmann Tomas eine Zuftucht gefunden. Ein Gewölbe der Schmerzen, des Deliriums und des Sterbegeheuls hatte ihn aufgenommen. In dem Kreischen, Flattern und Toben des Todes ringsherum hatte er die dröhnende Welt da draußen fast vergessen. Alles hatte sich ihm ver- hangen— und ob da draußen geschossen wurde, ob es Tag oder ob es Nacht war, ob Schnee vom Himmel fel, ob ein Sturm die Straßen fegte, das konnte ihn und die anderen kaum noch berühren, oder es konnte sie erst wieder berühren, wenn etwa eine Bombe oder ein Artilleriegeschoß ihre Höhle aufreißen würde.
Zum Operationsraum ging es noch um einige Stufen tiefer in die Erde hinein. Drei Krzte lten hier einander ab, die an achthundert Verwundete zu betreuen hatten. Pas Band blutender Leiber, das über die Operationstische lief, riß Tag und Nacht nicht ab. Für den Oberarzt Huth hatte es seit Otorwanowka und schon siebzig Tage lang nicht mehr angehalten. Der Umterschied gegen früher war nur, daß es kein Verbandzeug, keine Sanitätsmittel, keine Tetanusspritze, kein Chloräthyl, kein Morphium mehr gab. Die einzig verbliebenen Mittel waren die Werkzeuge, war das Skalpell, die Säge, die Schere, war der Kessel mit kochendem Wasser zum Sterili- sieren der Instrumente, war die über dem Kopf baumelnde starke Operationslampe; und Schmerzen, nicht mehr erträgliche Schmerzen, Waren das verbliebene Betäu- bungsmittel, und der Arzt mußte jeden glücklich preisen, der unter dem Skalpell, unter der Säge in seiner Hand das Bewußtsein verlor. Und der Unterschied gegen früher war auch der, daß die Sanitätsgehilfen abgemagert und grau waren, und daß sie immer häufiger umter der Last der Arbeit und von den Dämpfen, die sie nun Schon viele Wochen hindurch Tag und Nacht einatmeten, zusammenklappten. „Der nächste
Der nächste war Hauptmann Tomas.
Es war ein Sumpf, ein tropisches Sumpfloch, das er betrat. Der Knochenmann, der ihm den Platz auf der Planke anwies, auch das andere Gespenst, das aus einem Kessel voll siedenden Wassers ein Operationsbesteck heraushob, waren Sanitäts- gehilfen. Der Mann mit schweißnassem Oberkörper unter der Wachstuchschürze war der Arzt. Die Gehilfen, der Arzt, auch die Lehmwände schwitzten. Der Arzt stand mit den Füßen in Blutschlamm. Aus dem Kessel wallte Dampf. Die große Lampe warf Hitze. Kein Fenster, kein Abzugsloch. Als Tomas seinen Kopf auf die Tischplanke legte, fiel sein Blick auf einen Kübel. Fleischfetzen und obenauf ein abgeschnittener Arm. Fine feine Hand, die eines geistig arbeitenden Menschen, das dachte er, und das nahm er schon mit taumelnden Sinnen wahr. Aus dem Kübel wallte Fiterdunst auf in dicker Spirale. Heißer Brodem der Verwesung, und die über dem Kopf des Arztes baumelnde Lampe war eine wilde Sonne.
„Halten Sie den Kopf still, Herr Hauptmann!“
Das Gerippe, das dem Arzt zur Hand ging, preßte den Kopf des Hauptmanns zwi- schen Schädel und Kinnlade zusammen und hielt ihn wie in einer Klammer. Haupt-
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