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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
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mann Tomas war nur ein einfacher Fall. Der Arzt frisierte die Wundränder, schniit an Wange und Hals die verschmutzten Hautlappen ab, legte dann das gebrauchte, blutverkrustete Verbandpãckchen wieder auf die Wunde.

Der nächste!

Ein Sanitätsgehilfe nahm Tomas Mantel und Rucksack ab, führte durch das große Gewölbe, dann durch einen langen Gang und wies ihm in einem kleinen Raum einen Platz an.

Darüber waren vierundzwanzig Stunden vergangen. Nach vierundzwanzig Stunden hielt Tomas es nicht mehr aus; er hielt es in jenem Raum und der Stille dort und unter den zwei Dutzend Menschen, die da beieinanderhockten, nicht mehr aus. Es war schlimmer als der Sumpf, war schlimmer als in dem großen Gewölbe da vorn, in dem das Rõcheln der Sterbenden Tag und Nacht nicht aussetzte. Was war eigent- lich los? Dieser Raum hatte doch, ebenso wie die Gewölbe vorn, einen Wirt, das war die 14. Panzerdivision, und die Bewohner waren an eine Feldküche angeschlossen. Sie erhielten also, und anders als die Masse der Stalingrader Verwundeten, morgens Kaffeebrühe, mittags Pferdebrühe, abends eine Scheibe Brot. Sie gehörten nicht den unversorgten Verwundeten an und der Faden war ihnen nicht abgeschnitten; dennoch Wwar er hier dünner und flackerte das Lichtlein hier schwächer als anderswo. Wer hier in den Keller eintrat, trat in eine knisternde Stille ein. Zwei Dutzend Menschen, die in weitem Bogen einander gegenüberhockten, und kein lautes Wort wurde ge- sprochen. Wie in einem Lesesaal, auch dort sicht man in die Hände gestützte Ge- sichter, auch dort raschelt es, auch dort hustet mal einer. Aber hier war kein Lese- saal, hier war ein Keller und hier saßen Oberfeldwebel, Beamte, Hauptleute, Majore, auch ein Oberstleutnant. Der eine hatte einen erfrorenen Fuß, der andere eine Lungen- ntzündung und feuchte Hände, der andere Kopfschmerzen vom Rundherum- Denken, noch ein anderer Ischias, andere Erfrierungen zweiten und dritten Grades. Sie saßen hier und schwiegen und hörten nichts als das Rieseln des Kalkes an den Wänden. Es kam vor, daß einer aufstand, auf steifen Füßen hinausging und nicht wiederkehrte. So lange Hauptmann Tomas sich in diesem Raum aufgehalten hatte, waren es zwei gewesen, die hinausgegangen und nicht zurückgekehrt waren, ein Hauptmann der Flakartillerie und ein Stabsapotheker. Als der dritte, ein Hauptmann und Kolonnenführer, aufstand und ebenso steif und mit ebenso starrem Gesicht wie seine Vorgänger hinausging, raffte Tomas seine Dinge zusammen. Seinen Mantel über dem Arm und seinen Rucksack und seine Habseligkeiten in der anderen Hand, tastete er sich durch den langen Gang. Er begegnete einem bekannten Panzerleutnant, der beide Hände erfroren und die Arme bis zu den Ellenbogen in dicken Verband- packungen stecken hatte.

VWo wollen Herr Hauptmann hin?

Ich halte es da nicht mehr aus, ist wohl bei euch noch Platz?

Wir schaffen eben Platz!

Hauptmann Tomas zog in das große Gewölbe ein. Der und Kolonnen-

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