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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
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freiheit, wenn schon nicht zum Kapitulieren, dann zu einem Verzweif lungsdurch- bruch nach Westen. Es wurde uns abermals verboten. Wo Ihr steht, da bleibt Ihr! hieß es. Hier vor uns stand Hube, aus Berlin war er zurückgekehrt. Der ist ja nun auch endgültig ausgeflogen, um die Versorgung zu organisieren. Entschuldigen Sie, das ist doch vollständig blõdsinnig, was gibt es da noch zu organisieren? Ich habe die letzten Tage in Gumrak gesehen. Das ist das Chaos, und das organisieren wir nicht, da taumeln wir schenden Auges hinein! Da vor uns stand Hube und sagte: Man muß dann eben zum Schluß so eine Art Alkazar bilden! Pahin lautete auch der Befehl, und die wir es besser wußten nicht die Herren in Berlin , aber wir hatten den Untergang unserer Männer vor Augen wir gehorchten!

Fine Pause. Der Sprecher wischte sich den Schweiß von der Stirn, und dann: Meine Herren, ich protestiere!

Gegen was? wollte man wissen der Oberbefehlshaber gequält und im vornherein entschlossen, den Protest zu den Akten zu legen und nicht weiterzureichen, die Kommandierenden Generale voller Anteilnahme, der Chef des Stabes in exakter und bõser Neugierde, Oberst Carras verständnisvoll und das Wort bewundernd, das er niemals aussprechen würde!

Der dritte Stichtag, der 22. Januar. Wir verlangen Handlungsfreiheit. Wir wollen die võllige Auflõsung vermeiden. Antwort: Kapitulation ausgeschlossen! Das heißt: Wo Ihr stehn, da geht Ihr umter! 16 000 unversorgte Verwundete waren es vor vier Tagen. Was hat sich inzwischen geändert? Die Anzahl unversorgter und auch nicht mehr ernährter Verwundeter hat sich vervielfacht. Die Männer fallen sinnlos, ver- hungern oder erfrieren. Die aus Artillerie-, Nebelwerfer-, Nachrichtentruppen und Trossen zusammengekratzten Infanteriekampfreserven sind restlos verbraucht. Der Kampf wir nur noch mit Halbtoten und Sterbenden fortgesetzt! Und zu welchem Ende? Nur, um rettungslos in ein Chaos hineinzutreiben! Es ist gegen Gewissen, es ist gegen Ehte, auch gegen Soldatenehre, was hier verlangt und befohlen wird! Dagegen protestiere ich, und ich bitte darum, meinen Protest zur Kenntnis zu nehmen und weiterzureichen!

Die Gesellschaft im Keller war ein Spuk.

Meine Herren, wie stellt man sich d as' nun eigentlich vor?

Das war unzweifelhaft das Ende. Der Oberbefehlshaber, der mehr als alle anderen von Vorstellungen belastet war, wollte sich gar nichts vorstellen und auch nichts vorstellen lassen.

Ich gehorche! sagte der Oberbefehlshaber.

Pamit war die Sitzung beendet. Die Ratgeber waren entlassen. Sie erhoben sich, fast fluchtartig trieben sie auseinander. Oberst Carras blieb wie verloren auf dem Kellergang stehen. Der Oberbefehlshaber ging vorbei eine hohe, schlanke Er- scheinung, schon im ersten Weltkrieg Generalstabsoffizier, nachher Lehrer an der Kriegsakademie, der sehr kluge Sohn eines Magistratsbeamten, als erster Berater, als Chef des Oberkommandos des Heeres und im Anlegen von Operationen aus-

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