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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
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Erdhöhle neben Erdhöhle und Bunker neben Bunker, die Knäckebrot-, Fleisch-, Hülsenfrüchte-, Getränkelager des Verpflegungsamtes sich befanden, sprang es wie ein Funke in das vier Kilometer entfernt gelegene Pitomnik-Dorf.

In der Hand des Chirurgen zitterte die Knochensäge. Der Funker in der Flugleitung warf den Kopfhörer ab. Der Totengräber auf dem Kirchhof ließ den Spaten, der Ortskommandant brüllte nach seinem Fahrer. Die Versprengten warfen sich in neue Versprengung. Die Verwundeten auf dem Hauptverbandplatz bäumten sich auf ihren Pritschen. Der Zahlmeister im Verpflegungsamt ließ Knäckebrot, ließ Rindfleisch, ließ Getränke. Wer einen Wagen erreichen konnte, der fuhr; wer Füße hatte, der lief. Was durch Pitomnik und aus Pitomnik auf die Landstraße hinaus- jagte es waren Tausende war nichts als eine Meute struppiger, tollgewordener zweibeiniger Geschöpfe. Und die Richtung war vorgezeichnet, sie war auf diesem Boden seit den Tagen des Vormarsches, und das ist der Fluch und darin die Ver- kehrung aus Triumph in Tod, immer dieselbe, die Richtung Stalingrad .

Es war ein Tag, der aus schwerem Himmel Schnee abgeladen hatte, und der mt eisigen, aus der Wolga aufdammenden Nebeln seinem Ende entgegenging. Das Roll- feld war noch frei von Bodennebel, und in der Flugleitung hatten sich zwei anfliegende Jus gemeldet. Die Transportmaschinen gelangten ohne Jägerschutz über den Flug- platz, schlugen einige Kreise, durchstießen die Nebelfetzen und schwebten an. Die Sanitäter hatten ihre Arbeit begonnen und an vierzig Schwerverwundete auf das Rollfeld getragen, und das war, wie schon seit Tagen bei jeder Landung, das Zeichen für die andern. Und Hunderte humpelten und stolperten, so schnell sie konnten, von den Verwundetenzelten zum Flugplatz.

Die eine Ju war ausgerollt, die Propeller drehten sich weiter, aber die Maschine stand still. Die Kabinentür öffnete sich und mit dem Ausladen wurde begonnen. Auch die zweite Ju berührte schon die weite weiße Fläche, und der Schnee stob unter ihrem Fahrgestell auf. Das wurde interessiert von Augen, die unter weißen Verband- packungen aufblinzelten, von Schwerverwundeten, die dazu noch fähig waren, be- obachtet. Achtunddreißig lagen da, das Pappschild mit Namen an der Brust, auf den Traggestellen, um ausgeflogen zu werden, und einer davon war Hauptmann Steiger.

Hauptmann Steiger war der linke Fuß bis zum Knie amputiert worden; die Slitter im Arm hatten noch nicht entfernt werden können; seine Kopfverletzung hatte sich anscheinend als ungefährlich erwiesen. Er konnte hoffen, in ein Heimatlazarett und danach wieder nach Bopfingen zu gelangen, und wenn auch statt eines Fußes mit einer Prothese am Bein, von seinem kleinen Reich, der rauchgeschwärzten Esse, dem Blasbalg, Amboß , Schraubstock, Hämmern, Bohrern wieder Besitz nehmen zu können. Die Trage, auf der er lag, das Pappschild an seiner Brust, der Weg zurück- Bopfingen , seine Kupferschmiede, sein Kleines verwinkeltes Haus in der Unteren Kochengasse, daheim in der Küche sein Weib, nach Feierabend einenSchoppen am Stammtisch, ein Gespräch mit einem Fuhrmann, mit einem Bauern vom Hãärdt-

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