für alles Kommende. Hauptmann Steiger, von Schmerzen gepeinigt, die b's ins Knie und höher anstiegen, hatte den neben ihm sitzenden Wedderkop gebeten, sein Bein ausstrecken zu dürfen. Da es sich in der Enge des Fahrerhauses nicht anders machen ließ, hatte Wedderkop den Fuß Steigers auf den Schoß nehmen müssen. Nach einer Weile von Steiger gebeten, den Lappen und den Stiefel abzunehmen und den Fuß in einen Schal, den er gereicht bekam, einzuhüllen, begann er den Lappen abzuwickeln und das Schuhband aufzunesteln. Der Weg führte dabei eine Senke hinunter und auf der Sohle des Grabens 20g er sich ein Stück weiter, ehe er auf der andern Seite wieder aufzusteigen begann. Der Graben mit seinen schroff geschnittenen Wãnden sah in seiner weißen Erstarrtheit kaum anders aus als in den Tagen der Eiszeit, da er von abziehendem Gletscherwasser in die Steppe ein- gerissen und bis Zum Wolgatal hinunterge?ogen worden war. Der Wagen befand sich auf dem wiederansteigenden Teil des Weges. Wedderkop hatte den Lappen abgewickelt und das Schuhband aufgelöst. Steiger preßte die Zähne aufeinander; der fressende Schmerz saß nicht im Buß, sondern höher, das spürte er.„Ziehen Sie, bitte, zichen Sie den Stiefel mit einem Ruck herunter!“ sagte er. Wedderkop prauchte mehr Bewegungsfreiheit, und der Fahrer blendete erst den Scheinwerfer auf᷑ und überzeugte sich davon, daß in der Verlassenheit ringsherum keine Menschen- Seele und keine der Schneegestalten dieser Nacht zu schen war, dann erst hielt er den Wagen an. Die Schneegestalten waren aber doch da. Der Weg auf die Ebene zurück führte durch eine Einklüftung, welche westlich und der Fahrtrichtung enigegen verlief, und in der Seitenkluft, die von diesseits der Kurve nicht einzusehen war, staken 2wei fesigefahrene LKWs. Die Verwundeten- fracht, die sie befördert hatten, war ebenso erstarrt wie die in den Wagen vorher. Poch hier in der Kurvẽ und auf dem ansteigenden Ende der Straße, wo die unter- wegs befindlichen Fahrzeuge ge?wungen waren, langsam zu fahren, hatten sich alle gesammelt, die sich 8o weit hatten schleppen können. Und sie hielten sich hinter den Schneewällen der Kluft verborgen, sie waren verzweifelt wie Sterbende, die nicht sterben wollen, und sie waren listig— die Erfahrungen dieser Nacht hatten sie dazu gebracht— wie die jagenden Eismenschen der Urzeit. Und alles geschah gleichheitig. Wedderkop zog den Stiefel herunter, und mit dem Stiefel— Leder, Lappen, Haut⸗ Fleisch waren eine Masse— 20g er den mürbe gefrorenen Fuß ab, und im Schoß natte er das vauber abgeschãlte Fußskelett Steigers liegen. An Steiger wäre es Bewesen⸗ aufzuheulen, aber Wedderkop schrie auf und prallte zurũck, und sich abwendend- aber wohin sich wenden, er konnte seinen Blick nur durch die Windschutzscheibe fliehen lassen— hatte er im grellen Scheinwerferlicht eine Gestalt vor sich, die den VWeg herunterkam und von ihren wie Glas abbrechenden Füßen fiel und vornüber aufs Gesicht hinschlug. Und nicht nur dieser eine, ein ganzes Rudel war da,— aus der Einklüftung stiegen sie auf, mit verbundenen Köpfen, mit eingeschienten Armen,
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