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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
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sich in diesen Stunden zwischen Karpowka und Pitomnik oder zwischen Baburkin und Pitomnik oder auch zwischen der Rossoschkaschlucht und Pitomnik auf dem Wege befand, hatte die Siebenmeilenstiefel für immer ausgezogen; und was sich an deutschen Soldaten am Boden wand, rechnete nicht mehr mit Kilometern, und für viele handelte es sich nur noch um einige Meter, und darum, sich ein kurzes Stück durch den Schnee schleifen zu können, bis heran an das Trittbrett eines anhaltenden Wagens. Wedderkop saß zurückgelehnt, den Mantelkragen hoch- geschlagen, die Pelzmütze in die Stirn gedrückt, und blinzelte durch die Windschutz- scheibe über das weite Land. Fine Wüste aus weißem, trockenem Pulver und die vom Winde aufgefegten Wellen in verschwenderischer Filigranarbeit erstarrt. Und wenn der Fahrer nach dem Schalthebel griff und auf den zweiten und auf den ersten Gang hinunterging, und gleichzeitig, um besser sehen zu können, den Schein- werfer aufblendete, und der Motor aufknirschte und Getriebe und Räder im Leeren wühlten, und, wieder Grund fassend, der Wagen eine aufstäubende Schneewand durchpflügte, dann wehte auch in das Fahrerhaus die Grausamkeit dieser im Schein- werferlicht aufleuchtenden Nacht herein. Einen großen LKW, Kühler und Vorderräder im Graben steckend und Hinter- räãder und Hinterteil auf der Straße hängend, hatten sie neben dem Wege liegen schen. Eine Gestalt hatte mitten auf der Straße gestanden, zwei andere hatten da- neben gehockt. Hier hatte der Fahrer noch angehalten und war ausgestiegen. Der Kerl auf der Straße war ohne Stimme, er war ausgeschrien, und er hatte seinen in blutigem Verband steckenden Arm wie eine Winkfahne in die Höhe gehalten; die beiden am Boden gurgelten noch Worte, aber sie vermochten ihre Füße nicht zu bewegen. Der Fahrer und Wedderkop half dabei schleppte die drei zum Wagen und legte sie zu den andern Verwundeten. Einen Blick warfen sie auf den geschei- terten LKW und in den mit einer Zeltplane bedeckten Lastraum. Die Leichname von zwanzig oder dreißig Schwerverwundeten lagen dort auf der hängenden Boden- fäche nach vorn gerutscht und mit Decken und durchbluteten Unterkleidern und Verbandpackungen zu einem Klumpen zusammengefroren. Die Fahrt ging weiter, und es lag ein zweiter LKW am Wege, ein dritter, ein vierter. Eine LKW-Kolonne mit Verwundeten war am Tage die gleiche Straße gezogen, und die Wagenkolonne war auseinandergerissen. Einmal hielt der Fahrer noch an und dann nicht mehr. Ein fünfter, ein sechster, ein siebenter gescheiterter LKW. Aus dem Schnee aufstehende Gestalten, auch Fahrer, auch Sanitäter, ganze Trupps Verwundeter, welche die Wagen mit ihren gefrorenen Lasten verlassen hatten und zu Fuß ihren Weg suchten. Im Scheinwerferlicht taumelten sie auf winkten, gestikulierten, hoben geballte Fäuste prallten im letzten Moment vor dem vorbei- preschenden Wagen zurück und versanken in der Nacht. Hauptmann Steiger und der Fuß Steigers oder war es der unter der Wärme des Motors auftauende Stiefel und der herumgewickelte Lappen waren der Anlaß

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