Druckschrift 
Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
106
Einzelbild herunterladen

in Gipskorsetts, Decken, Fetzen, Zeltplane umgehängt, sie hinkten, sie taumelten, sie fielen, im Aufschlagen zersplitterten Knochen, Gestürzte richteten sich wieder auf, und alle, auch die am Boden lagen, alle eilten.Eins, zwei.. zehm! zählte Wedderkop võllig geistesabwesend. Zehn graue Menschenwürmer, die kriechend und' sich am Boden windend dasselbe zu leisten versuchten wie andere, die noch Füße hatten. Ein blutüberstrõmter Kopf erhob sich aus dem Schnee und fiel kraftlos wieder zurück. Fin anderer schlug einen spitzen Gegenstand, es war das Teil eines Wagenhebers, vor sich in den Boden und angelte sich daran vorwärts. Der zu aller- erst gestürzt war, arbeitete mit Armen und Bauch und Schenkeln und wühlte sich näher. Alle und alles kam näher, und die noch ihre Füße hatten, warfen sich schon über das Fahrzeug. Da waren die Hände, die nach den Türdrückern griffen, die am Kühler, am Trittbrett, am Wagenrand Halt suchten, welche die Zeltplane zer- fetzten, in Gesichter und Augen faßten und andere zurückrissen. Ein Schuß knallte, die Fensterscheibe zersplitterte. Hinten im Raum heulten die Verwundeten, die unter der Last der über sie Herfallenden erdrückt wurden. Der Motor keuchte, der Wagen lief wieder, Schwankte im ersten Gang den Hang hoch, und oben schal- tete der Fahrer den zweiten und dritten Gang ein, und er ließ den Wagen laufen, was er laufen konnte, und im Wind und in voller Fahrt fiel auch das Gerank von Händen und Knochen, das an der Motorhaube, an den Trittbrettern, am Wagen- rand hing, wieder ab.

Und es war kein von Urmenschen gjagtes Tier, kein von Steinäxten angeschlitztes und von Schmerzen tollgewordenes Mammut, es war eine Paimler-Benz-Maschine mit einem 90 PSDiesel-Rohöl-Motor, mit drei Achsen, mit Vorder- und Hinter- achsenantrieb, die heulend durch die Nacht ffüchtete, in Löcher absackte, über Bodenwellen wegsetzte und eine aufstiebende hohe Schneewolke hinter sich ließ undes war nicht 300 oo0 Jahre vor unserer Zeitrechnung, in der Nacht vom zwölften auf den dreizehnten Januar 1943 und auf dem Wege von der Rossoschka- Schlucht zur Straße Karpowka-Pitomnik war das geschehen.

Am 12. Januar waren in Karpowka, in Dmitrijewka, Nowo-Alexejewka, Baburkin die Hauptverbandplãtze evakuiert worden und je 300 oder 400 oder 450 Schwer- verwundete waren, nur in Decken gewickelt, auf offene LKWs verladen worden. Den Lastwagen war auf dem Wege der Betriebsstoff ausgegangen, andere waren in Schneeverwehungen steckengeblieben, die Kolonne war auseinandergerissen worden, und von dreißig Wagen hatten nur fünf ihr Ziel erreicht. Finer von allen Krzten, der Chefarzt einer Verwundetensammelstelle in Rossoschkatal, war dem Befehl nicht nachgekommen; er hatte Flüche, Verwünschungen, Heulen, Flehen, den ganzen Jammer der Betroffenen über sich ergehen lassen, und nachdem er alle vor- handenen Betäubungsmittel hatte austeilen lassen, ihnen erklärt, daß sie zurück- bleiben müßten. Das war an einem Ort geschehen, die Schwerverwundeten aller anderen Verwundetensammelstellen und der Hauptverbandplãtze sind in Marsch gesetzt worden, und zwar nicht nach dem Flugplatz Pitomnik, um aus dem Stalin-

106