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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
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Alle sollen es hören, icu tue ein Gelübde, und ich werde es auch halten, wenn es wahr ist, and vn ich wicer heil nach Hause komme, spende ich 100 Mark für den Kollektenteller! Und der Kalbach und Liebich und Rieß und Lichsch und Gimpf und Altenhuden und Tünnes, sie alle hatten etwas beizutragen gewußt, um ihre gemeinsame Hoffnung anzufachen, und der eiserne Ring war fast geöffnet, und dabei war auch Stalingrad gewonnen und die Russen endgültig in die Wolga ge- worfen worden.

Man sicht ja, wie der Russe kämpft, 8o hart und verbissen, und das will aller- hand besagen!Er will eben das Stalingrad nicht aufgeben, aber einmal muß es doch fallen!Neun Zehntel haben wir doch, und es sind auch nur noch kleine Gruppen, die dort kämpfen, aber die sitzen tief eingeschanzt und fast uneinnehm- bar!Und wenn er in großen Haufen angreift, dann sind das alles Sträflinge, und die Kommissare peitschen sie vor!Einmal geht es den Russen doch an den Kragen, die schweren Verluste, die kann er auf die Dauer nicht aushalten! So hatten sie geredet und die schwerenVerluste der Russen hatten herhalten müssen, die eigenen schweren Verluste geringer erscheinen zu lassen, und was vomHunger in den russischen Linien geredet worden war, hatte die Leere in den eigenen Mägen und Därmen wegdisputieren sollen und doch nicht können. Und Liebich war aufgefahren und hatte gesagt:Man sicht's doch, bei uns ist's schon tagelang ganz ruhig!

Tagelang gerade nicht, verdammt nochmal! hatte darauf Unteroffizier Maul- hard erwidert, der drei Tage vorher bei einem Grabenüberfall einen Gesäßschuß abbekommen hatte und seither mit zerfetztem Hinterteil in Bauchlage auf seiner Pritsche ausharrte und Stunde um Stunde darauf Wartete, daß er nach hinten nach dem Hauptverbandplatz abtransportiert würde. Dieser Maulhard lag da mit einem vom Sanitãter aufgelegten Notverband und mit ansteigendem Wundfieber. Es gab für ihn keine Morphiumspritzen; und das einzige war, daß der Sanitätsunteroffizicr ihm gesagt hatte, daß eine Tetanusspritze, die er vor Monaten gelegentlich einer leichten Verwundung erhalten hatte, heute noch nachwrken und ihn möglicher- weise vor einer Wundstarre behüten würde, und an diese Hoffnung klammerte er sich. Mein, Maulhard war in dieser Stunde, da man sich erwärmte und alle übrig- gebliebenen Hoffnungen in Betracht zog, ebensowenig ein erbaulicher Anblick gewesen wie Unteroffizier Urbas, und man hatte auch von ihm weiter nichts hören wollen, sondern sich lieber wieder dem Obergefreiten Rieß und dem, was er noch aus dem Regiment mitgebracht haben konnte, zugewendet.

Und Rieß, der wie Liebich und der Feldwebel früher der Stabskompanie angehört und am gleichen Tage, während er stundenlang vergeblich auf die Fleischausgabe Lewartet, mit seinen alten Kameraden Zusammengesessen und17 und 4 gespiclt hatte und schließlich ohne Pferdefleisch zurückgekehrt war, hatte noch viel gewußt, und er hatte eine nach der anderen seinerneuesten Parolen an den Mann ge- bracht. Und Altenhuden hatte weiter eingeheizt, daß die Funken stoben. Und wenn

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