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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
71
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ihre angezogenen Knie an. Die ausgestreckt lagen, Starrten zu den roten Flecken an der Bunkerdecke auf.

Es Wwar nach dem Fest, nach der Orgie, die hier eine Stunde lang aufgeflackert war. Sie hätten die geschenkte Wärme anders benutzen können, wie der Soldat Alten- huden beispielsweise, der sich das Hemd ausgezogen und 230 Läuse abgepflückt und in die mit Wasser gefüllte Konservenbüchse vor sich geworfen hatte, oder sie hätten ihre Fußlappen waschen und ihre Strümpfe flicken, oder wie Gimpf(nach dem Anstoß, der ihm geworden war) ihre Füße, von denen das Leben sehr bald abhängen würde, pflegen können. Aber die Wärme und die unerwartete Ruhe vorn im Graben hatten sie ausgekostet wie zu anderen Zeiten eine reichliche Portion Schnaps, und so hatte beides auch gewirkt. Sie hatten noch einmal alles heran- geholt, was schon Wochen hindurch hatte herhalten müssen, sie aufzupulvern. Von den Panzern Mansteins hatte natürlich keine Rede mehr sein können, denn das war zu diesem Zeitpunkt schon ein totgehetzter Gaul. Pafür aber hatten doch alle mit eigenen Augen einen riesigen Feuerschein im Westen geschen, und der Obergefreite Rieß, der am gleichen Tage zwar ohne Pferdefleisch von der Verpflegungsstelle des Regiments zurückgekehrt war, hatte aber doch eine Erklärung für diesen Feuer- schein mitgebracht und gesagt:Daran sicht man doch, daß es stimmt. Hinter dem Ring wird gekämpft. In Kalatsch sitzen die Russen noch, aber eine ganze SS-Armee rennt dort an! Und da hatte sich sogar der Unteroffizier Urbas eingemischt, dieser Urbas, der mit einertollwütigen Krankheit dalag und von dem man über- haupt nicht wußte, wie man eigentlich mit ihm dran war; und einmal lag er wie ein Stock auf seiner Pritsche und zählte stupide seine Finger und dann hörte er über- haupt nichts, und wenn man ihn auch anschrie, und zu anderen Zeiten hörte er wie ein Luchs jedes Wort, das irgendwo geflüstert wurde und mischte sich auch in alles ein und fing über alles an zu toben, bis er wieder zurückfiel und blau im Gesicht war und nichts an ihm sich mehr rührte, daß man einige Male angenommen hatte, daß er schon gestorben wäre, so hatte er auch an diesem Tag dagelegen. Als aber der Rieß das von der SS-Armee in Kalatsch sagte, da hatte der Urbas plötz- lich die Decke und Zeltbahn, Mantel und alles, was er auf sich liegen hatte, abge- worfen und seine Beine über die Pritsche gehängt und mit aufgedunsenem blauen Kopf᷑ dagesessen und geschrien:Ja, das ist ganz sicher, das weiß ich, und über die Brücke sind sie schon rüber, und die hauen sich auch durchl Den Urbas mochte man lieber nicht ansehen und auch von ihm nichts hören, wenn es auch ausnahms- weise mal richtig sein konnte, was er sagte, und so war man ganz froh gewesen, daß er, nachdem er noch irgendwelchen Unsinn herausgeschrien hatte, wieder wie ein Gespenst zurückgefallen war. Altenhuden hatte die Füße, die noch draußen baumelten, auf die Pritsche zurückgelegt und Decke und Zeltbahn und Mantel wieder über Urbas hingebreitet, und damit hatte man dann Ruhe vor dem Schrei- hals gehabt, und Rieß hatte weiter berichten können, was er auf dem Verpflegungs- amt gehört hatte. Und danach hatte der August Fell die Hände gefaltet und gesagt: