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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
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wie aus gefrorenem Granit schon eine Annchmlichkeit;und war es keine durch- gehende Wärme, so schuf doch der an den Wänden entlangstreifende und zum Ausgang himichende Rauch eine häusliche Atmosphäre, und die wie vertrocknete Fliegen auf ihren Pritschen liegenden Männer begannen sich zu regen. Sie begannen Sogar aufzuleben. Zuerst war es Tünnes, der von seiner Pritsche herunterkletterte und sich neben dem Ofen hinhockte; ein zweiter und dritter und vierter folgten, und von draußen kamen Liebich und die andern abgelõsten Posten dazu. Gnotke hatte ein Kochgeschirr mit Wasser autgestellt, und als das Wasser heiß war, ging er damit zur Pritsche Gimpfs. Er stieß den Gimpf᷑ an, und dem blieb unter den Augen Gnotkes nun nichts anderes übrig, als sich die Lumpen von seinen Schuhen abzuwickeln und die Schuhe auszuziehen und sich auf seine leicht blauen Füße die heißen Lappen aufzulegen, die er gereicht bekam. Daß heile Füße wichtiger als ein heiler Kopf sind, hatte Gimpf von Gnotke schon vorher vernommen; und was den Zustand seiner Füße anbelange, sagte Gnotke:Besser als die von Tünnes, auch besser als die vom Kalbach. Pie Füße vom Tünncs aber waren dick geschwollen als Folge von Hunger und die von Kalbach waren dicke Klumpen infolge Hungers und eingetretener Herzschwächung. Gimpf konnte noch weiter liegenbleiben und die heißen Kompressen noch weiter auf seine Füße wirken lassen. Gnotke brachte ihm noch einmal ein Eßgeschirr voll heißen Wassers und übernahm dann zwar hicht die Postenstunde Gimpfs, aber doch tauschte er mit ihm, so daß Gimpf erst später hinaus mußte.

Als Gnotke nach seiner zweiten Ablösung in den Bunker zurückkehrte, stand die Nacht schon hinter ihm. Im Bunker saßen noch einige um den Ofen herum, andere hatten ihre Pritschen wieder aufgesucht. Der Schein des Feuers überflackerte die Gesichter der am Ofen Sitzenden, spielte an der Bunkerdecke und an den Bunkerwänden und ließ von Zeit zu Zeit die mit angezogenen Knien auf ihren Kojen Hockenden oder die ausgestreckt Paliegenden aus Dunst und Dunkel hervortreten.

Als Gnotke eintrat, hörte er jemand sagen:Wir müssen halt zufrieden sein, denn wenn es den Russen geglückt wäre, was er vorhatte Der Sprecher unterbrach sich, um nach einer Pause hinzuzufügen:Wir leben noch!

Wir leben noch! antwortete es aus dem Dunkel.

Ein anderer meldete sich und Sagte:Der Satan hat uns eingeschlossen da hilft nur beten!

Sonst sagte keiner etwas und danach blich alles still. Der über die Russen triumphierte und noch lebte, war Kalbach mit der Herzschwäche und den geschwollenen Füßen. Der an keine Russen mehr und auch an keinenFührer mehr und nur noch an Beten glaubte, war der Obergefreite August Fell. Gnotke suchte sich einen Platz Zwischen denen am Ofen. Sie rückten nicht zusammen, als er sich hinsetzte. Sie saßen da mit ihren wildgewachsenen Bärten, die unwirklich und wie angeklebt wirkten, und ließen ihre Köpfe hängen. Die auf den Pritschen hockten, blickten

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