ein Stück Fleisch aus dem Kadaver herausgetrennt hatte, fiel zurück. Danach blieb alles wie es war und sah aus wie vorher, nur daß eine vierte bewegungslose Gestalt, die morgen verweht und dann gleich den anderen dreien wie ein dunkler Fleck aus- schen würde, sich jetzt da draußen im Schneetreiben zeigte. Fine halbe Stunde verging, und Gnotke wurde abgelöst. Der ablösende Posten, eine vermummte krummgezogene Gestalt, matte Augen, die unter der Stoffkapuze hervorblinzelten, war der Gefreite Liebich, ein Schreiber aus Merseburg in Thüringen , der bei Wertjatschi noch der Stabskompanie angehört hatte und den Sturz in Hunger und Dunkelheit deshalb schärfer als die übrigen empfand. Gnotke hätte ihm nun übergeben müssen, daß auf Posten alles in Ord- nung, oder er hätte sagen müssen, was nicht in Ordnung war. Er deutete aber nur mit einer knappen Geste ins Schneetreiben und zu dem Pferdekadaver hin, wo neb n den drei schon bekannten jetzt ein vierter dunkler Fleck zu schen war. Li bich begriff.„Dingelstedt?“ fragte er, und Gnotke nickte. Heinrich Dingelstedt war der Mame des Lehrers aus Zwischenahn am Zwischen- ahmer Meer in Oldenburg . Gnotke hatte, ehe er seinen eigenen Bunker aufsuchte, dem Wachthabenden über das Verschwinden des Gefreiten Dingelstedt und das beobachtete Vorkommnis Meldung zu machen. Der Wachthabende, Feldwebel Pöhls, vor Tagen noch Küchenunteroffizier hinten in der Stabskompanie, schrieb den Namen„Dingelstedt“ in sein Notizbuch ein. Finzelheiten wollte Feldwebel Pöhls nicht wissen, und er war froh, daß nicht ein anderer, sondern der wortkarge Gnotke der Meldende war. Schon allein die Erwähnung des Pferdekadavers trieb ihm den Schweiß auf die Stirn, und die stürmische Bewegung, die er augenblick- lich in seinen Därmen verspürte, war keine eingebildete, wenn der Arzt in Otorwa- nowka auch gesagt hatte, daß seine Diarrhöe auf zentrale, im Gehirn gelegene Ur- sachen, auf Gemütsbewegungen, Furcht oder Schreck etwa, beruhe, und daß die Ortsveränderung nach vorn seinen Zustand nur ändern und möglicherweise auf- heben könne.
er Kompanieführer, Hauptmann von Hollwitz, hatte am gleichen Tage zwei Mann von der Bestandsliste zu streichen, einen Soldaten, der in der Nacht gestorben und morgens im Schnee vergraben worden war, und den Gefreiten Dingelstedt. Die Kom- Panie zählte danach noch 32 Mann, genau: einen Offizier,§ Unteroffiziere und 26 Mann. An 300 Mann hatte von Hollwitz, als er seine zur Hälfte aus der Stabskompanie, zur anderen Hälfte aus Versprengten aufgestellte Truppe anderthalb Monate vorher aus Wertjatschi über den Don hinüberführte. Feindwirkung, Hunger, Krankheit hatten die Truppe dezimiert. Nun war es soweit gekommen, daß der Moment aus- zurechnen war, an dem kein Mann mehr da sein würde, noch ein Gewehr zu halten.
Von Hollwitz dachte an Wertjatschi, den letzten Ort, an dem das Leben noch seinen gewohnten Gang gegangen war. Er dachte an den Kriegszug bis Wertjatschi, auch an den Urlaub vorher, an Haus und Feld und Wald und an seinen alten Herrn',
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