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der dort wirtschaftet, dachte auch an eine Ilse auf dem Nachbargut. Er saß in seinem Bunker, nur einige Dutzend Meter von den vordersten Stellungen entfernt. Mit ihrer neuen Stellung hatten sie das Glück gehabt, alte russische Stellungen mit einigen Bunkern, die von einer Werkstattkompanie ausgebaut worden waren, be- zichen zu können. Pin seltener Umstand an der Stalingrader Westfront; aber wie lange würde es dauern, wie lange würden sie sich hier halten können! Eine Petro- leumlampe brannte auf seinem Tisch, aber auch das Petroleum ging bereits auf die Neige. Vor ihm lagen die Habseligkeiten des Gefreiten Dingelstedt. Eine Taschen- uhr, ein Trauring, eine Geldtasche mit etwas Geld, einige Photos, ein Päckchen Briefe. Hollwitz betrachtete die Photos— ein Häuschen, ein Hausgarten, ein alter Birnbaum, darunter hohes Gras. Fine Bank, darauf sitzend eine junge Frau und ein etwa zehnjähriger Junge. Ein Mann in einem Strohhut, Sonnenschatten auf dem Gesicht, das war der Gefreite Dingelstedt selbst. Er legte die Photos zu den Briefen und dabei fiel ihm ein von Kinderhand geschriebener Brief in die Hand, diesen Brief las er:
„Lieber Papa! Wir haben ein Brüderlein bekommen. Der Doktor und die Frau Hebamme sagen, es sei Dir ähnlich. Da wollte es schon die Frau Late haben. Aber wir geben es niemandem, denn die Mama wäre doch bald gestorben und der Doktor kommt noch alle Tage. Mama kann nicht einmal sitzen im Bett und wir müssen artig sein, denn sie ist fest krank. Wenn unsre Mama stirbt, was sollen wir denn machen? Micht wahr, Papa, sie soll nicht sterben, unser gutes Mutterli! Papa, komm— sie ruft immerfort: Heinrich, komm zu mir!“ da muß Tante Lies- chen immer ans Telefon den Doktor rufen, da bekommt sie immer eine Spritze ins Bein und schlãft wieder ein. Wenn sie die Mama fragen: Wie heißt das Kind? da guckt sie uns an und sagt gar nichts. Da wird er Heinz-Viktor heißen! habe ich gesagt. Gruß und Kuß Walter.“
Die Stube ist das Heim des Soldaten, und es soll dort genau so wie zu Hause sein, heißt es in Erläuterungen zur Kasernen- und Stubenordnung. Und westlich Stalin- grad war das Schneeloch, war das Erdloch, war in seltenen Fällen der Bunker das Heim des Soldaten, und unter solchen Gesichtspunkten war der Erdbunker, in dem Gnotke Stubenãltester war, einmal ausgebaut worden. Die Hütten der Nachbardörfer hatten Türen und Fenster samt Tür- und Fensterrahmen und ihre sonstigen Bestand- teile, auch Tische und Bänke, hergeben müssen. Eine Tür konnte im Bunker wieder zur Tür oder auch zu anderem werden, und Fenster samt Fensterrahmen und den dazu gehörigen mit Schnitzereien versehenen Fensterklappen schienen wie geschaffen dazu, Bunkerschränke zu werden. Und die ersten Bewohner dieses einmal von den Russen übernommenen und weiter ausgebauten Bunkers müssen bestimmte Vor- stellungen gehabt haben, als sie mit Pinscl und Teerfarbe„Villa Winterfrieden“ an die Bingangstür dieses Bunkers angepinselt hatten. Aber was jene Soldaten sich gedacht haben, war ebenso vergangen wie sie selbst und nichts war davon mehr
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