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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
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begraben. Bataillonskommandeure erhalten Särge aus Brettern, die Kompaniechefs werden in ihre Zeltbahnen eingehüllt, Mannschaftsgrade in ihre Decken, das sind Anweisungen für Gräberoffziere, und das gab es auch vielleicht einmal, hier gab es das nicht. Auch Ehrensalven wurden, selbst wenn die Beisetzungen große waren, und wenn halbe Kompanien bestattet wurden, hier nicht mehr gehört. Von Pivisions- pfarrern wurden vor Sanitätern, Troßleuten, Kfz.-Fahrern, die zufällig des Weges zogen und die von den Pfarrern auf der Straße angehalten und herangeholt wurden, Gedãchtnisreden gehalten. Dieser feierliche Teil der Leichenbestattung ging schon ohne die Mitwirkung eines Gimpf und Gnotke vonstatten, nur aus der Entfernung, wo sie eine neue, und wo sie Grube nach Grube aushoben, waren sie, wenn sie ein- mal aufblickten, Zeuge davon. So war es Oktober geworden, und auch der Oktober war vergangen. Jetzt war es November.

Schneeluft, die Erdkruste war hart, Spalten und Löcher waren schneeverweht,

manche von dünnem Fis überzogen, aus der Niederung und vom Don her brauten wie aus einer riesigen Waschküche dichte Dunstmassen auf und überzogen das* Gelãnde. Manchmal zuckte es in den oberen Dunstschichten auf wie Wetterleuchten. Danach war das Bellen eines Geschützes zu vernehmen und irgendwo stand dann im Dunst aus Dreck und gefrorenen Erdbrocken eine Fontäne auf. Die Bunker- und Grabenbesatzungen hockten unter der Erde. Die Munitionsholer brachten im Morgengrauen die Munition heran, und die Essenholer gingen erst abends los. Kaum einer steckte am Tage seinen Kopf heraus.

Nur die Totenmänner gingen frei herum.

Mehr als sonst glichen sic an diesem Tage durch den Dunst zichenden Schemen. Biner vorn, einer hinten, verschmolzen sie mit der beladenen Bahre zu einem Finzigen. Der Nebel verzerrte die Dinge. Fin plõtzlich auftauchender Mann zu Pferd Sah aus,

als ob er auf einem Hund ritte. Und Hubbe und Dinger mit ihrer Last in der Mitte, und Gnotke und Gimpf mit ihrer Last in der Mitte erinnerten mehr als an alles 2

andere sonst an langsam treibende beladene Barken.

Die Grube, die von russischen Frauen und Greisen ausgehoben und von Aslang,

Hubbe, Dinger, Gnotke und Gimpf erweitert worden war, hatte ein Sammelgrab

werden und die wãhrend der letzten Tage verstreut und provisorisch eingegrabenen.. Toten, die jetzt wieder ausgegraben wurden, in einem Gemeinschaftsgrab aufnehmen sollen als eines der Denkmäler, welche Hitler sich auf seinem Weg nach Osten setzte.

Aber ein von 28 Panzern und einem Infanterie-Bataillon zwei Tage vorher gegen die

russischen Stellungen vorgetragener und abgeschlagener Angriff hatte die Dispo- sition des Gräberoffiziers geändert, und die Grube hatte neben den eigenen wochen- alten Toten nun auch die Toten der Panzerabteilung und des Sturmbataillons auf- zunehmen. Und alles deutete darauf hin, daß es hier eine eilige Bestattung geben,* und daß eines dervergessenen Gräber entstehen würde, nicht das erste seiner Art, und die ihrer Rang- und Ehrenzeichen entkleideten Totenmänner waren auch

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