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Revolte der Heiligen : Roman / Ernst Sommer
Entstehung
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lachen mußte. Aber Michaels Appell war so herzbezwingend,

ich nicht wußte, ob ich lachen oder weinen sollte.

Jan sah Michael mit ruhigen und abwehrenden Augen an. Nimm ihn, deinen einen Uberlebenden! Seine Stimme war mit schneidendem Hohn und tödlicher Bitterkeit getränkt.Er gehört dir. Ich habe ihn dir geschenkt. Ich schenke sie dir alle! Sein Kopf war tief und hoffnungslos gesenkt. Seine Stimme war immer matter geworden.

Alle, wiederholte er, und der schattenhafte Widerhall gab das Echo von Jans Wort zurück.Alle fünfhundert Seelen.

Plötzlich streckte er ihnen seinen Arm entgegen. Der Zeigefinger, der im Dunkel glänzte, wies zur Tür. Mit gellender Stimme schrie Jan seinen Besuchern zu:Geht schlafen, Brüder. Euch fallen schon die Augen zu. Geht rasch! Ihr könntet sonst noch mehr eurer kostbaren Zeit verlieren. Ich habe nichts mehr zu sagen. Stumm erhoben sich die Vertrauensmänner. Der Raum lag in völliger Finsternis. Keiner vermochte die Züge der anderen zu erkennen.

Ich werde Licht machen, sagte Jan.

Wozu? warf Michael ein.Wir finden auch ohne Licht den Ausgang.

Aber Jan zůndete dennoch eine Kerze an, um seinen Besuchern hinauszuleuchten.

Michael faßte neuerlich Jans widerstrebende Hand.Ich glaube, wir alle haben unsere Pflicht getan und brauchen einander nichts nachzutragen.

Jan wandte das Gesicht weg. Der Atem, der ihm aus Michaels Mund entgegenwehte, beleidigte ihn. Er wich Michaels Augen aus, als hätte dieser den bösen Blick. Und als Michael ihn anzusehen versuchte, hielt Jan die Hand vor die Augen, als blende ihn das Licht der Kerze.

Die Vertrauensleute murmelten Entschuldigungen und faßten heftig Jans Hände. Jan schüttelte die harten und knochigen Pran- ken seiner Besucher.

Leise und vorsichtig tappten die Menschen durch das verfallene Treppenhaus. In der engen Gasse stehend, plickten sie geblendet nach oben. Uber der Judenstadt strahlte der Nachthimmel.

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