3 4 1
Felde, weckt meine Freundin nicht auf, ehe ihr es nicht selber gefällt.“
Der Anblick des zarten aschblonden Haares und der offenen Lip- pen hätte die Erinnerung an weitere Verse angeregt:„Dein Haar gleicht einer Herde Ziegen, die am Abhang des Berges Gilead gelagert sind. Deine Zähne sind wie Schafe, frisch geschoren, die eben aus dem Bade kamen. Zwillinge sind sie, und keiner fehlt.“ Was aber hatte das Hohelied mit Toten zu schaffen! Tote regten nicht einmal an, ihnen nachzurufen, was im Lied der Fliehenden nachgerufen wird:„Kehre wieder, kehre wieder, Sulamith, da- mit wir dich sehen können!“
Jonas wußte, was er der Majestät des Todes schuldig war. In den Anblick des schwachen Lächelns versunken, das über dem Munde der Toten lagerte, sagte Jonas das„Baruch Dajan Enet“:„Ge- lobt seist du, Bichter der Wahrheit!“
Das Lächeln verschwand nicht von Gertruds friedlichem Gesicht.
2.
„Du trauerst zuviel“, sagte Jan zu Martha eine Woche nach Ger- truds Bestattung.„Ich weiß, daß es dich schwer traf. Sie war dir wie eine Schwester. Was bedeutet aber eine einzige Person, auch wenn sie die Schwester ist?“
„Du hast recht“, entgegnete Martha finsler.„Was ist eine gegen allel Aber ich trauere nicht bloßß um Gertrud. Mir ist zumute, als hätte ich alle verloren. Sie sind nicht mehr auf unserer Seite. Sie sind zu Schilling übergelaufen. Sie haben sich für ein Trink- geld an ihn verkauft.“
„Du bist zu hart“, versetzle Jan.„Niemand darf sie verurteilen, weil sie das gute Einvernehmen mit Schilling nicht zerstören wollen.“
„Gutes Finvernchmen!“ schrie Martha.„Ist Gertruds Ermordung ein Zeichen guten Einvernehmens mit Schilling?“
Jan schüttelte den Kopf.„Schilling läßt sich nicht so einfach ab- lun. Du findest ihn nicht besser als andere Mörder. Sie aber fin- den, daß er sie vor dem Schlimmsten beschütat. Du willst Schil-
—
9⁵


