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Gewalt
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von der Anwesenheit Wolfs Notiz, machte sich mit ihm bekannt und begann mit ihm ein hastiges Gespräch. Ruth aber sah Knüpfer tapfer ins Gesicht und Prachte es sogar über sich, ein herzliches und einfältiges Lächeln um ihre bangen Lippen zu legen.
Knüpfer machte eine tastende Bewegung seinen Hosentaschen zu.
Vorsichtig holte er ein Ding hervor, das, wenn man näher zusah,
ein kleiner Spiegel war, in geschweiftem und zierlichem Silber- rahmen. Er reichte den Spiegel Ruth.
„Auf meiner Reise hierher“, sagte er,„wurde ich zu wieder- holten Malen gründlich untersucht. Bei diesen Taschenvisitationen wurde mir allmählich alles, was irgendeinen Wert pesaß, ab- genommen. Aber so eifrig sie mich ausplünderten, dieses kleine Stück haben sie dennoch übersehen. Ich hoffe, es gefällt dir, Spie- gel sind hier eine Seltenheit. Und dieser stammt aus der Mãdchen - zeit meiner toten Frau.“
Sie war, wie alle im Turm wußten, jung und gesund vor fünf- zehn Jahren verunglückt. Ein Automobil hatte sie überfahren. Da- mals hatte Knüpfer, der schon Lungenkranke, die Unberechenbar- keit des Schicksals verwünscht. Und dennoch hatte es seine Frau sichtlich begünstigt.
Ruth hielt den Spiegel vor ihr Gesicht. Sie bewegte langsam den Kopf, um es ganz zu betrachten. Da wurden ihre Augen immer dunkler, und ihre Brauen rückten immer dichter zueinander. Ein finsterer Zug überhauchte ihr Gesicht.
Michael hatte Recht. Sie hatte gelogen, wenn sie geleugnet hatte, sich zu fürchten. Furcht verwandelte in Wahrheit den ganzen Menschen. Aber nicht nur sich selber sah Ruth verwandelt. Der Spiegel gab auch ein Stück von Knüpfers Gesicht wieder. Sein Ausdruck hatte sich bereits jeder menschlichen Empfindung ent- äußert. Es glich der versteinerten Grimasse eines Toten.
Da fiel ihr der Spiegel aus den Händen und zerbrach.
„Wie ungeschickt ich bin!“ sagte Ruth mit weißen Lippen. Wäh- rend Knũpfer sie zu trõsten versuchte, bückte sie sich zitternd, um die Scherben aufzulesen.
Oben setzten die Schritte wieder ein. Die Decke dröhnte, und die Flamme zuckte.


