Sollen wir deshalb nichts tun?
Wissen, wie schwer die Aufgabe ist, bedeutet schon einen Gewinn! Dieses Wissen verleiht uns die Geduld, die hier besonders erforderlich ist.
Wir wissen, daß die Jugend unsern Worten nicht glauben kann! Es liegt dies nicht in ihrem Wollen, sondern in ihrem Werden begründet. Erwarten wir also nicht zuviel von aller Belehrung.
Unsere Jugend ist nicht mitschuldig an dem Ruin Deutschlands ; sie trägt das Erbe ihrer Väter; sie ist Opfer dessen, was die Vergangenheit geschaffen hat und werden ließ; sie hat auf das Werden des Dritten Reichs keinen Einfluß gehabt; sie gehört restlos zu den Wiedergutmachungsberechtigten. Die Zeuger dieser Jugend haben für deren Dasein die Grundlage zerstört oder zerstören lassen; sie sind verpflichtet, gutzumachen, soviel in ihren Kräften steht.
Schütteln wir nicht verständnislos den Kopf, wenn wir unsinnigen Einwendungen seitens der Jugend begegnen. Dieser Unsinn ist systematisch eingetrieben und läßt sich nicht dadurch ausrotten, daß man ihn als Unsinn und unbegreiflich bezeichnet. Bedenken wir, daß ja auch der Christ den Freidenker, der Katholik den Protestanten nicht begreift, ihn nicht begreifen kann, weil seine Ueberzeugung in der Erziehung ihre Wurzel hat. Bedenken wir, daß die Mehrzahl der Jugendlichen auch bei den älteren Leuten in ihrer Familie und näheren Umgebung keine Kenntnis der Demokratie findet, daß sie vielfach noch von Feinden der Demokratie in ihren Irrtümern sowohl wie in ihrer Verbitterung bestärkt wird.
Daß wir dies alles wissen, davon müssen wir die Jugend überzeugen. Mit Worten wird uns dies nicht gelingen, unser Tun und Handeln muß diese Ueberzeugung vermitteln. Die Jugend darf sich vor allen Dingen nicht ausgestoßen fühlen, darf nicht hoffnungslos gelassen werden, in ihrer Hoffnungslosigkeit nicht zur Verzweiflung kommen.
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