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Knüppel auf dem Wege zur Demokratie / von Josef Radermacher
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Hier stehen wir vor einem Problem, das unlösbar scheint, vielleicht unlösbar ist! Und die Dringlichkeit dieses Problems. wächst mit jedem Tage, wird bedrohlich, wenn die Millionen heimkehren, die jetzt noch in Gefangenschaft auf diese Heim­kehr warten.

Denn auch die ältere Generation ist ja nur in einer ver­schwindenden Minderheit demokratisch! Uns fehlen ja in er­schreckendem Maße die Kräfte, die Demokratie lehren, die Demokratie vorleben könnten.

Auch die wenigen, die durchdrungen sind von der Not­wendigkeit der Demokratie und die damit auch das Höchstmaß pädagogischen Geschicks vereinen, sie stehen dennoch ohn­mächtig vor einer unglücklichen, verbitterten Jugend. Sie können ihr ja nur Worte geben, Worte, hinter denen auch bei zwingender Logik keine Beweise stehen; wir alle wollen ja erst in eine demokratische Praxis hinein; was wir als Er­fahrung bei unsern bisherigen Versuchen mit unzureichenden Mitteln, in einer Republik ohne Republikaner, aufzuweisen haben, damit können wir noch nichts beweisen.

Menschen in Not sind nicht aufnahmefähig für theoretische Beweisführung. Vorbedingung für jede Belehrung der jungen­Leute wäre die Beseitigung der Not. Geben wir ihnen einen Wirkungskreis, nehmen wir von ihnen die Frage, was aus ihnen persönlich werden soll, dann machen wir in ihren Köpfen die Zellen frei, durch die Vertrauen zu uns und unseren Worten eindringen möchte. Aber diese Vorbedingung zu schaffen ist unmöglich. Wo der Schutt noch liegt, da kann man kein Haus bauen; wo Not und Sorge die Gedanken lähmt, da findet auch die beste Lehre keinen Eingang. Hier stehen wir vor einem Trümmerfeld, dessen Aufräumung schwieriger sein wird als die Beseitigung aller Schutthaufen, die an den Straßen liegen. Eine Hoffnung, dieses Trümmerfeld in den Köpfen unserer Jugend bald bereinigen zu können, würde uns nur Enttäuschung bringen können.

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