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Knüppel auf dem Wege zur Demokratie / von Josef Radermacher
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taten, sondern um die Folgen deren Handelns kennenzulernen und da gewarnt zu sein, wo diese Folgen für die Zukunft ver- mieden werden müssen. Dabei braucht die Achtung der Vor- fahren nicht verletzt zu werden; die Erkenntnis, daß jede Zeit ihre eigenen Gesetze braucht, genügt, um das zu verhindern. In allen Fragen der Ethik und Moral ist das zu pflegen, was wir gemeinsam als Menschen haben, was zum friedlichen Leben innerhalb der Nation und inmitten der Nationen erforderlich ist. Als Wissen soll die Schule geben, was die Wissenschaft als wirklich und wahr erkannt hat; was umstritten ist, bleibe dem Urteil des einzelnen überlassen; es darf den jungen Menschen nur als umstritten bekanntgemacht werden; sie müssen wissen, daß darüber jede Meinung eben nur Meinung und als-solche gleichberechtigt ist. Hierzu ist auch die Reli- gionsgeschichte zu zählen. Kenntnis der Geschichte der ver- schiedenen Religionen bewahrt vor Fanatismus in der eigenen Religion, und solcher Fanatismus muß im Interesse der Einig- keit des ganzen Volkes ausgeschaltet werden.

Es wäre ein Armutszeugnis, ja eine Bankrotterklärung jeder Kirche, wenn sie bestreiten wollte, durch eine solche Gemein- schaftsschule in ihrem Religionsunterricht behindert zu werden. Wenn die objektive Kenntnis der Geschichte und der Zusam- menhänge des Lebens in der menschlichen Gesellschaft die Religion beeinträchtigen kann, dann ist die Religion nicht daseinsberechtigt. Steht die Lehre einer Kirche in Wider- spruch zum wirklichen Leben, dann verdient auch ihre Theorie über das Leben nach dem Tode keinen Glauben. Die Kirche selbst muß solche Widersprüche vermeiden oder überwinden; für den Staat ist die konfessionelle Schule eine Gefahr. Der Staat braucht die Gemeinschaftsschule; sie ist für ihn ein Gebot der Selbsterhaltung. Den Religionsunterricht darf der Staat nicht hemmen und nicht fördern, wenn er zur Demokratie gelangen will.