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Knüppel auf dem Wege zur Demokratie / von Josef Radermacher
Entstehung
Seite
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besondere Vertretung der Kirche in der Politik ist also weder erforderlich noch zulässig, wenn vollkommene Demo- kratie herrschen soll.

Chritliche Demokratie ist in sich ein Widerspruch. Christentum kann sich in einem demokratischen Staat frei ent- falten; Demokratie aber ist innerhalb des Christentums nicht möglich. Voraussetzung für die Demokratie ist die Ausschal- tung der Tradition als bestimmender Faktor; die Vernunft muß in jedem Falle entscheiden, was zu geschehen hat. Vernunft wird immer die Erfahrung zur Urteilsbildung heranziehen; sie

wird von dem Ueberlieferten nur das beibehalten, was sich als gut erwiesen hat; sie wird nichts deshalb ausschalten, weil es überliefert ist, abersie wird auch nichts beibehalten, weil es überliefert ist; sie wird neue Wege einschlagen und neue

Mittel anwenden, wenn diese nach vernünftiger Prüfung Aus- sicht auf Erfolg bieten.:

Auf dem Gebiet der Religion gibt es keine Erfahrung, sondern nur Ueberlieferung. An die Stelle der Vernunft tritt in der Religion der Glaube. Der Glaube ist auch da geboten, wo die Vernunft widersprechen möchte; der Glaube steht höher als die Vernunft, der Glaube an das, was nachder Ueber- lieferung gelehrt wird.

Die Kirche vermittelt den, Gläubigen diese Ueberlieferung; sie hat für ihre Lehre keine andere Grundlage, als die Ueber- lieferung, sie kann also keinesfalls verzichten auf ihre Autori- tät in der Ausdeutung dieser Ueberlieferung. Die Autorität der Kirche ist das Fundament, auf dem sie steht; ohne diese Autorität wäre der Bestand der Kirche nicht möglich. In der Kirche ist also keine Demokratie denkbar. Woher soll dem- nach die christliche Demokratie kommen? Was kann man sich unter christlicher Demokratie vorstellen? Auch ehrlichste An- erkennung der politischen Demokratie seitens der Kirche schafft keine christliche Demokratie, läßt innerhalb der Kirche keine Demokratie zu. Die Kirche kann ihren Gläubigen nicht

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