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Knüppel auf dem Wege zur Demokratie / von Josef Radermacher
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sondern sie auch zur Geltung gebracht hat, bevor es wieder ein freies Volk werden kann.

Der Hinweis auf die Gefahren für die Demokratie kann also gar nicht. dringlich genug gestaltet werden. Uns zwingt die unabweisbare Pflicht, aber auch die Liebe zu unserer Heimat' und die bange Sorge um deren Zukunft und das Schicksal unserer Kinder, diese Hindernisse nicht nur da zu bekämpfen, wo sie bereits ihre Wirkung erkennen lassen, sondern solchen Hindernissen auch nachzuspüren, bevor sie öffentlich in Er- scheinung treten.

Wir hatten in der Republik eine durchaus demokratische Verfassung, aber wir hatten kein Volk, das Demokratie kannte und dementsprechend zu schätzen wußte; darum konnte Hitler mit den Formen der Demokratie die Demokratie in Deutschland vernichten. Die erste deutsche Republik erstand nicht aus einem Volkswillen heraus, der zur Demokratie drängte, sondern als Notbehelf beim Zusammenbruch des Kaiserreichs. Der Wiederaufbau bot ungeheure Schwierigkeiten. Deshalb fanden sich die Kriegstreiber und Feinde der Demokratie vorläufig damit ab, dem Volke die Verantwortung zu überlassen. Sie zeigten keine Machtgelüste, solange noch die Trümmer rauchten als Anklage gegen Nationalismus und Militarismus; aber sie rechneten mit dem politischen Unverstand der Massen, und sie haben darin richtig geurteilt. Die politische Unreife des Volkes, die sie planmäßig gezüchtet hatten, konnten sie nur zu bald wieder in ihren Dienst stellen.

Heute reden Schutt und Trümmer eine weit eindringlichere Sprache als 1918. Wenn wir heute von Wiederaufbau sprechen, dann erfüllen uns zaghafte Wünsche, aber kein durchdachter Plan. Wir wagen noch nicht, einen Plan zu durchdenken, weil wir nur Berge von Schwierigkeiten sehen, aber noch nicht einmal eine Richtung wissen, aus der uns ein Schimmer von Hoffnung kommen könnte. Die Aufgabe, die vor uns liegt, ist. ungleich schwieriger als 1918, aber auch jetzt wieder sind die

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