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Knüppel auf dem Wege zur Demokratie / von Josef Radermacher
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der Arbeiter. ,, Was tut denn jetzt der Verband für uns?", das vernahm man sehr häufig, wo Klagen auftauchten; auch der Verband erschien sehr vielen noch als Ersatz für die Obrig­keit; der Verband", das war der Gewerkschaftssekretär; dem durfte man zwar jetzt in der neuen Zeit seine Meinung recht deutlich sagen, aber für die Abstellung von Miẞständen zu sorgen, das war seine Sache; er war schuld daran, wenn die Löhne nicht erhöht wurden.

Die schlimmste Folge dieser Entwicklung ist: Man wälzt die Verantwortung für die gegenwärtigen Verhältnisse auf die gegenwärtige Obrigkeit ab. Die Republik übernahm die durch den Krieg verursachten Trümmer des Kaiserreichs, aber ver­antwortlich machte die Masse die Regierung der Republik . Was jetzt an Schutt und Trümmern vor uns liegt, das ist das Werk der Nazis; aber daß es so ungeheuer schwer für uns ist, aus diesen Trümmern wieder herauszukommen, daß wir ent­behren und hungern müssen, dafür schiebt man der jetzigen Obrigkeit die Schuld zu. Ziemlich offen redet man bereits von absichtlicher Schuld daran, von der Absicht, uns verhungern zu lassen. Zum Teil geschieht dies böswillig, zum weit größeren Teil wird es nachgeplappert und geglaubt, weil die Fähigkeit zu einem vernünftigen eigenen Urteil nicht vor­

handen ist.

Diese Unfähigkeit eigenen Urteils wird ausgenützt von denen, die keine Demokratie wollen, die keinen Frieden wollen. Es wird ausgenützt zu dem Versuch, die Politik der Nazis zu rechtfertigen, daß die Selbstvernichtung, wie Hitler sie befahl, richtig gewesen sei; der Tod sei besser gewesen als ein Leben, wie wir es jetzt ertragen müssen. Böser Wille und politischer Unverstand arbeiten hier Hand in Hand, um in die Trümmer des noch nicht beendeten Krieges schon den Haß zu tragen, aus dem ein neuer Krieg hervorgehen soll.

Darin liegt für das deutsche Volk die größte Gefahr; es soll ja beweisen, daß es nicht nur die Demokratie will,

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