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Knüppel auf dem Wege zur Demokratie / von Josef Radermacher
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müssen wir erbringen; das verpflichtet uns, mehr als peinlich darauf zu achten, was die Entwicklung dazu verzögern oder hindern kann. Jede Verzögerung in dieser Entwicklung kann ja eine Verlängerung unserer Unfreiheit bedeuten, eine Ver- längerung der Zeit, in der wir nicht berechtigt sind, die Ver- hältnisse in unserer Heimat nach eigenem Ermessen zu gestalten.

Wir haben Hemmungen zu überwinden, die in Jahrhun- derten gewachsen sind, und die deshalb feste Wurzeln haben in den Hirnen und Herzen der deutschen Menschen. Es ist viel weniger böser Wille, der uns entgegensteht, als vielmehr die Unfähigkeit, das Neue aufzunehmen, aufzugeben, was von Eltern und'Urureltern überliefert wurde. Unsere Vergangen- heit ist erfüllt von systematischer Verhinderung der Demo- kratie, von der gewöllten Erziehung zu politischer Unreife und politischem Unverstand,

Daß Demokratie Volksherrschaft bedeutet, das haben schon mehr Leute begriffen; man kann das im Wörterbuch nach- schlagen, und außerdem entspricht es auch mehr den persön- lichen Wünschen. Daß in der Demokratie das gleiche Recht für alle gilt, daß jeder mit zubestimmen hat, damit ist man schon in weiterem Umfange einverstanden. Weniger bekannt und anerkannt ist, daß mit den, Rechten auch Pflichten ver- bunden sind, daß die Rechte ohne Anerkennung und Aus-

übung der Pflichten die Demokratie nur verächtlich machen

können. Zu fest ist noch der Obrigkeitsstaat instinktmäßig verankert. Alles kam von oben. Die Obrigkeit befahl, wie man zu leben, was man zu tun habe; daraus ergab sich, daß auch die Obrigkeit für alles die Verantwortung trug. Nicht so, daß man bewußt die Obrigkeit verantwortlich gemacht. hätte, sondern man überließ instinktiv diese Verantwortlich- keit der Obrigkeit; in der gehorsamen Ausführung der Befehle lag die ganze Pflichterfüllung. Eigenes Nachdenken über die Folgen des eigenen Handelns war zwecklos, wenn dieses

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