Druckschrift 
Wir klagen an! : Ein Bericht über den Kampf, das Leiden und das Sterben in deutschen Konzentrationslagern ; Moor, Dachau, Mauthausen, Neuengamme, "Cap Arcona" / von Julius Schätzle, Schutzhäflting Nr. 211
Entstehung
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links und bedeutete Tod oder Leben. Ein Blick von einer Sekunde war die ganze Untersuchung. Die Kranken, Schwachen und Invaliden, darunter Kriegsinvaliden aus dem ersten Weltkrieg, wurden sofort mit Namen und Gefangenennummer notiert.

Niemand wußte zuerst, zu welchem Zwecke diese Aktion durchgeführt wurde. Wie immer in solchen Fällen, gab es darüber Parolen genug. Erst nach Wochen brachte der Lagerführer zu später Abendstunde die erste Liste, alphabetisch von A bis E geordnet, in die Lagerschreibstube mit dem Befehl, diese Häftlinge sofort im Bad zu einem Transport zusam­menzustellen. Die meisten mußten aus den Betten geholt werden und wurden noch in derselben Nacht mit Autos weggeschafft. Kurze Zeit darauf erhielten die Angehörigen eine kurze Nachricht von dem Ableben dieser Unglücklichen. Das waren die ersten Opfer der berüchtigten Gas­kammern. Liste folgte nun auf Liste, und ein Transport nach dem anderen rollte aus dem Lager.

Dadurch, daß die Dachauer Gaskammern nie fertiggestellt wurden, waren die Hinrichtungen durch Genickschuß und Erhängen eine täg­liche Erscheinung. Viele Menschen, Männer und Frauen, wurden auch von außerhalb des Lagers mit Autos gebracht und verschwanden im Krematorium. Weder Namen, noch die Anzahl dieser Ermordeten sind bekannt.

Zur Beseitigung jeden Beweises ihrer Schuld ließ die 4 überall Krema­torien bauen. Das in Dachau zuerst aufgebaute war bald nicht mehr leistungsfähig genug und wurde durch ein zweites, größeres ersetzt. Aber auch hier mußten, um Öl zu sparen, immer einige Leichen zusammen verbrannt werden. Die Asche kam in eine Grube und wurde dort nach Bedarf wieder geholt und in Urnen abgefüllt. Die vier jüdischen Häft­linge, die hier als Arbeiter beschäftigt waren, wurden streng vom übrigen Lager getrennt. Mit der Zeit wurden sie aber trotzdem als unbequeme Mitwisser lästig. Von allen Vieren kam eines Tages die Todesmeldung aus dem Arrest.

Das zweite Kommando von vier Russen währte nur drei Tage, und vier Todesmeldungen gaben uns die Nachricht von einem neuen Verbrechen. Später fanden sich vier Berufsverbrecher, die sich für diese Arbeit besser eigneten und zur vollen Zufriedenheit ihrer Auftraggeber arbeite­ten. Ihre Tätigkeit beschränkte sich bald nicht mehr auf die Verbrennung von Leichen, sondern sie wurden auch die neuen Henker. Den einzigen Lohn, den sie dafür bekamen, waren einige Zigaretten.

Die Widerstandsbewegung

Das Leben der Schutzhäftlinge war hart und grausam. Es war ein ewiges Spiel zwischen Tod und Leben, aber auch ein Kampf gegen die überall herrschende Niedertracht und Gemeinheit, ein Aufbäumen gegen

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