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Wir klagen an! : Ein Bericht über den Kampf, das Leiden und das Sterben in deutschen Konzentrationslagern ; Moor, Dachau, Mauthausen, Neuengamme, "Cap Arcona" / von Julius Schätzle, Schutzhäflting Nr. 211
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ist aber unvollständig, weil das Material von 1933 bis 1940 fehlt und weil Tausende im Lager gar nicht registriert wurden, sondern sofort auf dem Schießplatz ihren Tod fanden.

Die Todesursachen hatten vielerlei Gründe. Der kleinste Prozentsatz davon ist der natürliche, durch Krankheit verursachte. In den Jahren 1933 bis 1939 gab es viele Opfer der Arbeit", d. h. sie wurden bei der Arbeit einfach erschlagen. Der größte Teil der ,, auf der Flucht Er­schossenen" fällt ebenfalls in jene Zeit, in der die jungen-Männer des Totenkopfverbandes noch im Lager wüteten. Die Zahl der durch lang­jährige Unterernährung geschwächten Häftlinge, die die Unbilden der Witterung, der Ansteckungsgefahr durch Seuchen, den Strapazen des Lagerlebens nicht mehr gewachsen waren, geht in die Legionen. Aber auch diejenigen, die in der Blüte ihres Lebens auf dem Schießstand oder unter dem Galgen ihr Leben aushauchten, waren Tausend und Aber­tausende.

In den Lagern des Ostens waren es die gefürchteten Gaskammern,' wo die Menschenvernichtung mit allen Schikanen fabrikmäßig durchgeführt wurde. In den seltensten Fällen wurde den Angehörigen die wahre Todesursache mitgeteilt. Mit allgemeiner Herzschwäche oder ähnlichem wurden diese Verbrechen umschrieben. Nur mit Grauen kann man daran denken, was sich hinter den nüchternen Worten ,, auf der Flucht erschos­sen" verbirgt. Kein Augenzeuge kann berichten, was sich im K.A.( Kom­mandantur- Arrest) alles ereignet hat. Nur einfache Todesmeldungen kün­den davon. Doch hat sich in aller Öffentlichkeit so viel zugetragen, daß es genügt, darüber zu erzählen.

Ein teuflisches Gehirn ersann die Verordnung, daß jeder 14- Mann, der die Flucht eines Häftlings durch Erschießen verhinderte, mit RM. 20.­und acht Tagen Urlaub belohnt wurde.

Viele, die nicht mehr die Widerstandskraft aufbrachten, ihr schweres Schicksal weiter zu ertragen, suchten den Freitod, indem sie über die um die Arbeitskommandos gestellten Postenketten hinausgingen. Von niemand zurückgehalten, ohne Warnruf, wurde dann durch gut gezielte Kugeln ihr Leben ausgelöscht.

Manche wurden aber auch durch List auf diese Art erledigt. Der 1½­Posten nahm dem Häftling die Mütze ab, warf sie über die Postenkette hinaus und befahl ihm, sie wieder zu holen, oder es war nur ein Stück Papier , das dort aufgelesen werden sollte. Es genügte, einen Schritt über die umgrenzte Linie zu gehen, schon krachte ein Schuß, und ein junger 44- Mann hatte sich ein Taschengeld und acht Tage Urlaub verdient.

Ganz groß angelegt war im Jahre 1942 die Beseitigung der für das Dritte Reich unnützen Esser. Große Regierungskommissionen mit dicken Bäuchen und wichtigen Mienen versuchten hier an einer für sie ungefähr­lichen Front das Kriegsverdienstkreuz zu verdienen. Alle Lagerinsassen mußten nackt in einer Reihe an ihnen vorbeidefilieren. Der erhobene Daumen des Kommissionsführers neigte sich bald nach rechts, bald nach

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