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Wir klagen an! : Ein Bericht über den Kampf, das Leiden und das Sterben in deutschen Konzentrationslagern ; Moor, Dachau, Mauthausen, Neuengamme, "Cap Arcona" / von Julius Schätzle, Schutzhäflting Nr. 211
Entstehung
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die geistige Vergewaltigung. Viele waren zu schwach, um ihr Schicksal selbst zu meistern. Sie wurden zu Verrätern an ihrer eigenen Gesinnung und sanken von Stufe zu Stufe. Als Lakaien ihrer Herren, als Antreiber bei der Arbeit, als Denunzianten oder Totschläger und berufsmäßige Henker wurden sie die Schergen der 1.

Aber überall waren auch überzeugte politische Funktionäre am Werk, die weder durch ein Zuckerbrot, noch durch die Peitsche sich von der Verpflichtung zur internationalen Solidarität abhalten ließen. Die besten und aktivsten antifaschistischen Kämpfer standen auch hier in vorderster Front gegen den Terror der-Bestien. Wenn es auch nicht möglich war, dem Blutrausch der Einhalt zu gebieten, so wurde es doch zur Tat­sache, daß kraft der geschaffenen Einheitsfront viele Opfer den Klauen des Todes entrissen werden konnten.

Nichts fürchteten unsere Quälgeister mehr, als diese Solidarität zwi­schen den Häftlingen. Man versuchte deshalb, eine Gruppe gegen die andere auszuspielen: die Grünen( Berufsverbrecher) gegen die Roten ( politische Häftlinge), die Geistlichen gegen die Kommunisten, die Deut­schen gegen die Ausländer, die Polen gegen die Russen und umgekehrt. Mit den dreckigsten und brutalsten Mitteln, durch Spitzel und Denunzian­ten ist es ihnen zeitweise gelungen diese Arbeit zu stören, es ist ihnen aber nie gelungen, sie zu zerschlagen.

Der Schutzhaftlagerführer Campe glaubte anfangs Mai 1944 einen be­sonderen Schlag gegen die politischen Funktionäre ausführen zu müssen. Seine Helfershelfer hatten ihm anscheinend genügend Berichte geliefert, um eine kommunistische Verschwörung" konstruieren zu können.

Sechs der bekanntesten Kommunisten wurden sofort in den Arrest gesteckt, andere in der Strafkompagnie isoliert. Diese Häftlinge wurden so von jeder Verbindung mit der Außenwelt abgeschnitten. Briefe durften nicht mehr geschrieben werden, und ankommende gingen ohne Bemerkung an die Absender zurück. Für Campe waren wir bereits tot. Der Ver­nehmungsführer, 44- Oberscharführer Bach, bemühte sich gemeinsam mit Campe und seinen Rapportführern, dem Galgen neues Futter zu bringen. Ein russischer Arzt und ein jugoslawischer Pfleger wurden im Zimmer von Bach halbtot geschlagen, um die gewünschten Aussagen zu erhalten, andere wurden tagelang in den Stehbunker gesteckt.

Aber alles blieb vergebens. Alte Schutzhäftlinge ließen sich nicht mehr so leicht erschüttern, und die elende Brut der Zuträger war zu feige, um offen gegen die im Lager beliebten Häftlinge aufzutreten. Diese ganz groß angelegte Aktion schrumpfte so immer mehr und mehr zusammen. Zum Schluß blieb nichts übrig als in aller Lageröffentlichkeit bekannte Tatsachen.

In dem an die Reichsführung der 44 gerichteten Bericht hieß es: ,, Im Lager Dachau ist eine ganze Gruppe von kommunistischen Funktionären, die trotz zehn- und elfjähriger Haft in Zuchthäusern und Konzentrations­lagern ihre alte Gesinnung nicht aufgegeben haben. Organisatorische Vor­

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