Druckschrift 
Wir klagen an! : Ein Bericht über den Kampf, das Leiden und das Sterben in deutschen Konzentrationslagern ; Moor, Dachau, Mauthausen, Neuengamme, "Cap Arcona" / von Julius Schätzle, Schutzhäflting Nr. 211
Entstehung
Seite
27
Einzelbild herunterladen

Eine Wendung trat erst ein, als es mit den Blitzkriegen zu Ende war und die Naziregierung der Volksstimmung mehr Rechnung tragen mußte. Die inhaftierten Geistlichen aus dem ganzen Reich wurden nun in Dachau konzentriert und in einem besonderen Block untergebracht. 400 bis 500 deutsche Geistliche aller Konfessionen und etwa 2000 ausländische, vor allem Polen , kamen hier zusammen. In ihrem Block wurde ein Raum zur Verfügung gestellt und darin eine Kapelle zur Abhaltung von Gottes­diensten eingerichtet. Alle Geistlichen wurden von der Arbeit befreit und durften sogar nachmittags zwei Stunden zu Bett gehen.

Auch in der Verpflegung gab es eine radikale Änderung. Unabhängig vom übrigen Lager bekamen die Geistlichen eine besondere, bessere Kost. Es ging zeitweise so weit, daß nachmittags Wein ausgeschenkt wurde.

Dieser ganzen Herrlichkeit brachten die Häftlinge aber sehr wenig Vertrauen entgegen. Die Art und Weise, mit der die"-Führung diese Vergünstigungen durchführte, ließ erkennen, daß man nur einem momen­tanen Druck folgend den Geistlichen diese Sonderstellung einräumte und man alle Mittel versuchen würde, diese bald wieder aufzuheben.

Wir hatten uns nicht getäuscht. Es begann mit den polnischen Geist­lichen, denen alle Vergünstigungen, einschließlich des Besuches der Kapelle, gestrichen wurden. Aber auch den deutschen wurde eine Ver­günstigung nach der anderen genommen, und die Pfarrer wurden wieder behandelt wie gewöhnliche Häftlinge.

Eine kleine Anzahl sogenannter ,, Prominenter ", darunter auch der Herr Pastor Niemöller, waren noch die einzigen, die eine bevorzugte Stellung einnahmen. Diese Gruppe war vom übrigen Lager gesondert untergebracht. Die Verpflegung war dieselbe wie die der- Truppen. Sie waren von der Arbeit befreit, konnten ihre eigene Kleidung tragen und in Begleitung Spaziergänge in der Nähe des Lagers unternehmen.

Dazwischen kam wieder einmal ein Befehl von Berlin , daß die Geist­lichen nur zu leichten Schreibarbeiten verwendet werden dürfen. Ein von einem jungen katholischen Theologen mit der 4- Post aus dem Lager geschmuggelter Brief brachte auch das wieder zu Fall. Auf einen neuen Befehl hin durfte kein Geistlicher mehr in einer Schreibstube ar­beiten.

So ging das hin und her. Nach alter Methode versuchte man immer eine Gruppe von Häftlingen auf die andere zu hetzen, um sie gegenein­ander auszuspielen. Manchmal wurde ich als Leiter des Arbeitseinsatzes in das Jourhaus gerufen und mit dem Vorwurf empfangen: Warum haben Sie als alter Kommunist wieder einem von der schwarzen Brut so eine gute Arbeitsstelle verschafft? Sie müssen uns doch helfen, diese Pest

auszurotten.'

66

Besonders eifrig waren in dieser Linie der Arbeitsdienstführer 44­Hauptscharführer Welter und der zweite Schutzhaftlagerführer-Haupt­scharführer Trenkle.

In demselben Atemzug ließen diese Ehrenmänner einen Geistlichen

27