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Wir klagen an! : Ein Bericht über den Kampf, das Leiden und das Sterben in deutschen Konzentrationslagern ; Moor, Dachau, Mauthausen, Neuengamme, "Cap Arcona" / von Julius Schätzle, Schutzhäflting Nr. 211
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rufen, um ihm beizubringen, daß es für jeden frommen Mann die heiligste Pflicht sei, die bösen Bolschewiken auszurotten.

Zur ergötzlichen Unterhaltung trafen wir uns dann abends, um unsere Geheimaufträge auszutauschen.

Der erste Schutzhaftlagerführer, 4- Hauptsturmführer v. Redwitz, glaubte es besonders schlau anzustellen, um die Machenschaften der ,, KPD. - Brüder", wie er sich auszudrücken beliebte, zu brechen.

In allen verantwortlichen Stellen wurden als Gegengewicht einige Geist­liche eingesetzt. In den Arbeitseinsatz kamen vier, darunter der von den Nazi in Metz eingesetzte Bischof Franz Goldschmied. Dieser Kamerad hatte es abgelehnt, seine Würde aus solch unberufenen und blutbeschmutz­ten Händen entgegenzunehmen. Lieber ging er als Mensch mit anständigem Charakter ins Konzentrationslager.

Aber auch hier gab es für solche Menschen neue Aufgaben. Gerade hier, wo der faschistische Terror, wo auch die Bespitzelung auf das Äußerste getrieben war, bildete sich die erste Phalanx der antifaschisti­schen Kräfte in einer Einheitsfront von Kommunisten, Geistlichen, Intel­lektuellen und Vertretern des entschiedenen Bürgertums. Alle Machen­schaften und Intrigen scheiterten an dieser gemeinsamen Abwehrfront. Nur wenige Renegaten des antifaschistischen Blocks hielten es für wichtiger, ihr armseliges Leben durch immerwährendes Dienern zu er­halten. Diese Ewiggestrigen konnten es nie lassen, ihre eigene Suppe zu kochen, selbst dann nicht, wenn es auf Kosten der Allgemeinheit ging.

Die Krankenbehandlung

Eine der dunkelsten Seiten des Dachauer Lagers war das Revier. Im allgemeinen stellt man sich unter einem Krankenhaus, in Verbindung mit dem Arzt, einen Ort vor, der dazu geschaffen ist, der notleidenden Menschheit zu helfen. Hier war es anders. Es gab Zeiten, in denen kranke Häftlinge lieber bei ihren Kameraden den Tod erwarteten, als sich dem Revier anzuvertrauen. Lange Zeit war es verboten, einen Häftling, der medizinische Kenntnisse hatte, im Revier zu beschäftigen. Nur Laien war es gestattet, neben den-Ärzten zu stehen. Aber auch diese 4- Ärzte waren fast ausschließlich Neulinge und betrachteten die kranken Häft­linge nur als willkommene Objekte für ihre sadistischen Studien.

Mancher ging mit Angina ins Revier und wurde am Blinddarm operiert, weil der diensttuende 44- Arzt gerade daran seinen Spaß hatte. Ein anderer Arzt wollte unter allen Umständen Kropfspezialist werden, und alle Häft­linge, die für ihn geeignet waren, kamen bei ihm unters Messer. Erst später, als der Häftling als Arbeitssklave gewertet wurde, trat eine Besserung ein. Neben dem 14- Arzt stand nun der Häftlingsarzt. Viele Fälle, die früher als hoffnungslos aufgegeben wurden, konnten nun trotz dem Mangel an Medikamenten mit Erfolg behandelt werden. In aufopfernder

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