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Unter dem gelben Stern : ein Tatsachenbericht aus der Zeit von 1933 bis 1945 / von Abraham Hochhäuser
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Viele von unseren besten Kameraden verloren abermals vor Hun­ger und Schwäche und durch die schwere Arbeit zerbrechend, ihr Leben. Wir Überlebenden betrogen uns mit einer schwachen Hoffnung, zu Hause könne vielleicht doch noch einer mit dem Leben davongekommen sein. Aber in Wirklichkeit wußten wir ja längst, daß unsere Lieben tot waren und daß unser ganzes Leben hier gar keinen Sinn mehr hatte. Wir lie­Ben uns zur Arbeit treiben wie Vieh und vergaßen darüber wenigstens manchmal das trostlose Denken und selbst das unsinnige Hoffen. Wir wurden wie Vieh, und schlimmer noch, behandelt. Aber wir hatten noch ein menschliches Hirn und deshalb konnten wir die quälenden Gedanken nie völlig in uns abtöten.

Der auffallend weite Bauplatz, auf dem viele Tausende von Ar­beitssklaven aus ganz Europa beschäftigt waren, bot ein buntes Bild in­ternationaler Prägung. Wenn wir überhaupt noch zu irgendeiner geisti­gen Aufnahme bereit gewesen wären, hätte man hier Gelegenheit gehabt, die Sprachen der halben Welt zu erlernen. Die Arbeit, die gefährlich war ,. wurde häufig von Unfällen gefährdet. So mußten wir auf dem Heim­marsch oftmals außer denen, die vor Hunger und Entkräftung gestorben waren, Verletzte mitschleppen, die an den Maschinen Unfälle erlitten hat­ten. In einem Sinne waren sich diese toten Maschinen mit den Macht­habern des Dritten Reiches gleich sie hatten beide kein Herz und forder­ten beide Opfer. So wurden viele Häftlinge zu Krüppeln und mußten das Los derer teilen, die für das Regime keinen Wert mehr besaßen.

Der Arbeitstag dauerte zwölf Stunden. Während der Arbeit selber war es den Posten verboten, die Baustelle zu betreten. Dadurch kamen wir in die glückliche Lage, daß wir durch unsere bessergestellten Kame­raden aus anderen europäischen Ländern gelegentlich etwas Brot oder andere Nahrungsmittel zugesteckt bekamen.

Der tägliche Ausmarsch war immer von den gleichen Wünschen und Gedanken begleitet hoffentlich ist der Polier, der Vorarbeiter bei guter Laune, hoffentlich ist das Wetter nicht zu schlecht, hoffentlich macht niemand einen Fluchtversuch.

Der letzte Wunsch war der innigste. Denn wenn tatsächlich wieder irgendeiner versucht hatte, dieses Leben abzustreifen und irgendwohin zu entkommen, wo er sich verbergen konnte, ging es uns Zurückbleibenden schlecht. In solchen Fällen mußten wir abends nach der Zählung stun­denlang in strammer Haltung, selbst bei bitterster Kälte und scheußlich­stem Regen ohne Kopfbedeckung, stehen, bis der Ausreißer gefaßt war. Wenn dies nicht gelungen war, ließen die SS - Leute ihre Wut an uns aus und wir hatten weitere bittere Stunden vor uns.

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