Druckschrift 
Nacht über Deutschland : Erinnerungen an Dachau ; ein Beitrag zur Kulturgeschichte des Dritten Reiches ; aus dem literarischen Nachlaß / von Walter Adam
Entstehung
Seite
77
Einzelbild herunterladen

-

In der ersten Dezemberhälfte traten die ersten Erkrankungen an Ruhr auf. Der Lagerarzt erkannte sie nicht oder wußte sich aus Unerfahren­heit nicht zu helfen und traf keine Gegenmaßnahmen, ja die ersten Kranken wurden überhaupt nicht anerkannt. Ich selbst habe die Ruhr der Arzt hatte mich im wesentlichen im Steinbruch überstanden, mit einigen Portionen Tierkohle abgefertigt. So stand ich im Sturm und Schnee dieses Dezembers 1939 fiebernd an der Schaufel, kaum mehr fähig, sie zu heben und dabei jeden Augenblick in Sorge, bei, Faul­heit" ertappt zu werden. Bei jeder lebhaften Bewegung entleerte der Darm eine schleimige Flüssigkeit in die Hose. Zwei oder drei Mitge­fangene versteckten mich dann und wann hinter einem Felsen und deckten mich mit ihren Körpern gegen Sicht, um mir so eine Atem­pause zu verschaffen. Schon traten zeitweise Trübungen des Bewußt­seins ein, ich erwartete von einer Stunde zur anderen das Ende. Da keine Möglichkeit bestand, den Körper zu reinigen und die be­schmutzte Wäsche zu wechseln, ekelte' mich vor mir selber bis zum wie viele andere Gefangene Erbrechen. Zu all dem hatte ich mir- - sehr schmerzhafte Erfrierungen an den Füßen zugezogen. In dieser Verfassung blieb ich bis kurz vor Weihnachten im Steinbruch. Nur der härteste Wille zum Leben, der brennende Wunsch, einen Tag der Vergeltung zu erleben, hielt mich aufrecht.

Indessen machte die Seuche rasche Fortschritte. Viele Leute, auch weit jüngere als ich, brachen zusammen und starben. Dabei gab es kaum ein Medikament und zu essen nichts als Krautsuppe, Rüben­suppe, Pellkartoffeln und etwas Kommißbrot. Ein Seuchentod von katastrophalem Ausmaß schien unabwendbar. Da wurde der öster­reichische Arzt Doktor Hittmaier, ehemals Primarius am Krankenhaus in Wels , zum Retter seiner Mitgefangenen.

Hittmaier durfte zunächst, wie alle gefangenen Ärzte, keinerlei ärzt­lichen Dienst versehen. Als aber die Ruhr immer weiter um sich griff, entschloß sich der junge SS - Arzt, den erfahrenen Praktiker zu Rate zu ziehen und ihn als Krankenwärter in das Häftlingsspital zu kom­mandieren. Dank seiner fachlichen und menschlichen Überlegenheit hatte er alsbald die Seuchenbekämpfung in die Hand bekommen. Vor allem gelang es ihm, der SS klar zu machen, daß auch für sie akute Ansteckungsgefahr bestehe und daher eine vollkommene Absperrung der Häftlinge von der SS notwendig sei. Das wirkte. Augenblicklich hörte jeder Kontakt zwischen den Häftlingen und ihren Peinigern

77