auf. Die Arbeiten wurden sofort eingestellt, die Gefangenen durften: die Baracken nicht mehr verlassen, der Stacheldraht schloß sich hinter uns so dicht, daß selbst das Brot nicht mehr ins Lager geführt, sondern über den Stacheldraht geworfen wurde. Die Qual des Steinbruchs war zu Ende, auch der Frost dieses harten Winters: 1939/40 konnte uns nicht mehr tödlich anfassen und von der SS sahen wir wochenlang überhaupt nichts mehr.
Der Arbeitstag Hittmaiers aber zählte jetzt 24 Stunden. Tagsüber ordinierte er von früh bis spät im Häftlingsspital oder in den Baracken, nachts stand er als Helfer und Tröster unter den Schwerkranken, Ver- zweifelten und Sterbenden. Die Sterblichkeit blieb immer noch groß, aber eine Katastrophe von dem Ausmaß, wie sie sich zur gleichen Zeit in Mauthausen ereignete, blieb abgewehrt. Während so viele deutsche Ärzte ihre Wissenschaft für Henker- und Schlächterdienste zur Ver- fügung stellten, hat Doktor Hittmaier, im Kleid und mit der Nummer eines Sträflings, die Würde seines Berufes in den Bezirk edelster Mensch- lichkeit emporgehoben.
Nun blieben wir wochenlang in dem stinkenden Pferch der Baracken. Geschirr putzen, Spind schmirgeln, Betten„bauen“, Marschlieder ein- üben, Schule über Lagerdisziplin und Lagerordnung, hauptsächlich aber stundenlanges Vorsichhinstarren in einem Gedränge Kopf an Kopf, das füllte den Tag aus. Die Lebensbedingungen wurden immer ‚ekliger, wir hatten seit September nicht gebadet, kaum einmal die Wäsche gewechselt und oft gab es zu wenig Wasser, um auch nur die: Hände abzuspülen. Die Klosette durften wegen der Gefahr einer Seuchenverbreitung nicht benützt werden. Als Ersatz dienten für fast 400 Häftlinge zwei in Holzkisten eingelassene Kübel, die zeit- weise in einem Winkel des Lagers entleert wurden. Das gebrauchte Klosettpapier wurde in eine Kiste geworfen. Wenn die Kiste voll war wurde sie in die Wohnstube getragen und dort wurde der appetitliche Inhalt stückweise verbrannt! Der Kohlenvorrat ging zu Ende, man heizte schon mit Stroh aus den Strohsäcken der Ruhrver- dächtigen. In den Schlafsälen konnte überhaupt nicht geheizt werden, auch nicht bei minus dreißig Grad. Als eine Wohnbaracke für Spitals- zwecke freigemacht werden mußte, trat ein solcher Überbelag ein, daß die meisten Häftlinge auf dem Boden schliefen. Als ich eines morgens. erwachte, konnte ich nicht gleich aufstehen, denn ich war mit meinem Mantel an die Barackenwand angefroren.
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