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Nacht über Deutschland : Erinnerungen an Dachau ; ein Beitrag zur Kulturgeschichte des Dritten Reiches ; aus dem literarischen Nachlaß / von Walter Adam
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gebaut waren. Bessere' Betten standen nur in geringer Zahl zur Ver­fügung und dienten zumeist nur solchen Kranken, die eine lange Lager­haft hinter sich hatten und in guten Beziehungen zum Verwaltungs­personal standen.

Als Pfleger fungierten ausschließlich Häftlinge. Einige hatten mehr Praxis und Erfahrung als die jungen Ärzte und waren auch nach ihrer Charakteranlage für den Dienst an Kranken hervorragend geeignet. Katholische Priester haben sich in der Krankenpflege rühmlich be­währt. Daneben gab es allerdings auch rohe Burschen, die den Dienst im Spital nur gesucht hatten, um einer schwereren Arbeit zu entgehen und kleine Verpflegungszubußen zu bekommen.

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So ging es vor dem Kriege. Vom Frühjahr 1940 an wurden die Zu­stände immer ärger. Nach einer vorübergehenden Räumung für Aus­bildungszwecke der Waffen- SS füllte sich das Lager Dachau immer mehr mit Häftlingen aus anderen Lagern, die zur, Erholung" nach Dachau versetzt wurden. Krüppel und Kranke aller Art, viele wie wandelnde Skelette anzusehen, kamen in großen und kleinen Trans­porten und wurden nach wenigen Tagen in die Arbeitskommandos eingeteilt. Bei jedem Antreten, morgens und mittags, sah man jetzt die gleichen Bilder: Ohnmächtige und Sterbende, die sich im Straßenstaub wälzten. SS - Unteroffiziere unternahmen Wiederbelebungsversuche durch Fußtritte in die Weichen, mit der laut hinausgeschimpften Be­gründung ,,, der elendige Hund, der elendige" oder, das verdreckte Aas, das verdreckte" wolle sich nur von der Arbeit drücken. Halfen die Fußtritte nicht, wurde der Kranke aus einer Gießkanne triefnaẞ mit Wasser begossen. Manchmal hörte man auch die fröhliche Dia­gnose: ,, Der Kerl ist eh schon hin". Einmal sah ich zu, wie ein Kranker von einem SS - Unteroffizier bei der Brust gepackt, aufgerichtet und an eine Barackenwand gelehnt wurde. Seine Augen waren schon gebrochen, ein dünner Blutstreifen rann ihm aus dem Mund, er verlor das Gleich­gewicht und taumelte. Aber sooft er umzusinken schien, rückte ihn der SS- Mann wieder gerade. Endlich sank er doch zu Boden und hatte ausgelitten für immer.

Solche und ähnliche Szenen ereigneten sich im Frühjahr 1940 in den rückwärtigen Lagergassen täglich. Dabei handelte es sich nicht um Gefangene, die sich irgendwie straffällig gemacht oder sonst den Zorn

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