mußten in ihrem Budget die erklärliche und durchaus entschuldbare Begehrlichkeit mancher Unbemittelter in Rechnung stellen.
Eine schwere Belästigung bedeuteten die Lagerbesuche. Alle erdenk- lichen Parteifunktionäre, SS und SA , Hitlerjungen, Wehrmachtsan- gehörige, Ärzte, Quislinge aus verschiedenen Ländern usw., einmal sogar eine Schauspielertruppe, durften das Lager besuchen. Zeitweise gab es jeden zweiten oder dritten Tag einen solchen Besuch unter Führung eines der Lagerführer. Das Programm war fast immer das- selbe: eine freche Augenauswischerei. Man führte die Besucher stets den gleichen Weg, zuerst durch das Wirtschaftsgebäude, dann durch die vorderste, schr modern eingerichtete Spitalsbaracke, dann in die Häftlingsbaracke Nummer 1,\später Nummer 2, die in der Lager- sprache fast offiiziell die Bezeichnung„Besuchsblöcke“ führten und stets in besonderem Glanz gehalten werden mußten, dann etwa noch die Lagerhauptstraße entlang in den Nutzgarten, wo es eine Zucht von Angora-Kaninchen zu bewundern gab, und auf dem Rückweg in das sogenannte Museum. Die Besucher hatten keine Gelegenheit, eigene Wege zu gehen oder gar mit Häftlingen in Fühlung zu treten. Als sich aber zum Ärger der SS solche Begegnungen doch ereigneten und einzelne Besucher auf neugierige Fragen unerwünschte Aus- künfte bekamen, fand man eine einfache Abhilfe: Man sperrte die Häftlinge während der Zeit der Besuche, meistens in der Mittags- pause, in den rückwärtigen Baracken ein und hielt sie dort so lange versteckt, bis die Gäste wieder draußen waren.
Ein kleines Beispiel, wie treuherzig fremde Besucher von der S$ ange- logen wurden, erfuhren einige österreichische Herren von Rang, die in einem Büro der„Plantage“ arbeiteten. Eine aus Gartenmeistern und Gärtnerinnen bestehende Besuchergruppe besichtigte einmal dieses Büro. Die braven Leute gaben ihrem Staunen und ihrer Aner- kennung über die Einrichtungen und die Organisation Ausdruck und eines der Mädchen stellte die Frage, wer denn alle diese Arbeiten verrichte. Da wies ein begleitender SS -Offizier mit strenger Miene auf die österreichischen Herren und sagte dazu nur zwei Worte: „Lauter Verbrecher.“
Um die Gefangenen einer andauernden seelischen Belastung auszu- setzen, war dafür gesorgt, daß die Verbindung mit ihren Familien möglichst lose bleibe. Besuche von Angehörigen im Lager waren ver- beten. Erst im späteren Verlauf des Krieges gestattete man in meh-
36


