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Nacht über Deutschland : Erinnerungen an Dachau ; ein Beitrag zur Kulturgeschichte des Dritten Reiches ; aus dem literarischen Nachlaß / von Walter Adam
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fast alles verschenkten, nicht etwa an engere Freunde, sondern an die Nächstbesten, denen der Hunger aus den Augen sah.

Eine seelsorgliche Tätigkeit war den gefangenen Priestern bei streng­ster Strafe verboten. Dennoch war ein Priester zur Stelle, wenn ein Häftling in schweren Stunden oder im Angesichte des Todes danach verlangte. Aufgedrängt hat sich keiner.

Über die Sterblichkeit der Priester in Dachau sind mir in jüngster Zeit sprechende Zahlen zugekommen. Aus der Baracke 26 sind von insgesamt 900 Gefangenen 250 bis 300 gestorben. Viel furchtbarer noch erntete der Tod unter den polnischen Geistlichen; von 2800 sind nur 861 am Leben geblieben!

Vielleicht werden sich Priester finden, die über ihr Leben in Dachau besser und ausführlicher berichten können. Ich hielt es für gut, bei dem Thema ein wenig stehenzubleiben, weil ich glaube, daß Priester und Laien im Häftlingskleid einiges gelernt haben, vielleicht nicht ohne Nutzen für den Neubau unseres politischen und sozialen Lebens. Wir müssen ja in allem neu beginnen, und dazu ist alles eher brauchbar als das Erbe an verstaubten Vorurteilen, das wir alle noch aus ver­gangenen Zeiten mitschleppen.

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Mit den ,, Grünen", also den Berufsverbrechern, trat ich erst im Lager Flossenbürg in engere Berührung. Sie verbüßten in den Lagern nicht eine gerichtliche Strafe, sondern wurden nach ihrer Entlassung aus dem Zuchthaus nach Gutdünken und Willkür der Polizei zusammen­gefangen und in Konzentrationslager gesteckt, wo es ihnen- nach übereinstimmender Ansicht viel schlechter ging als früher im Zuchthaus. Man konnte unter ihnen die verschiedensten Typen unter­scheiden: ruhige, gesittete Leute, deren Verhalten nicht im geringsten auf eine Verbrecherlaufbahn schließen ließ, daneben den letzten Aus­wurf der Großstädte. Durch lange Zeit waren meine engsten Arbeits­gefährten im Steinbruch zu Flossenbürg zwei Berliner Kassenschränker, die von früh bis spät in phantasievollen Schilderungen ihrer Ein­brüche schwelgten.

Die ,, Asozialen" waren zumeist Landstreicher, Arbeitsscheue, Berufs­bettler und sonstige Existenzen aus dem traurigen Grenzbezirk zwischen Armut und Verbrechen. Aber auch in dieser Kategorie gab es Opfer stumpfer Polizeiwillkür. Mancher ,, Asoziale" hatte nichts

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