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Nacht über Deutschland : Erinnerungen an Dachau ; ein Beitrag zur Kulturgeschichte des Dritten Reiches ; aus dem literarischen Nachlaß / von Walter Adam
Entstehung
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Der Eingang in das Häftlingslager führte durch eine Torhalle des Dienstgebäudes, das ungeachtet der sonst üblichen Deutschtümelei die KommißbezeichnungJourhaus führte. Im Torgang des Jourhauses lag eine Wache der Totenkopf-SS , deren Hauptaufgabe es war, die aus- und einmarschierenden Häftlinge zu zählen und vorzumerken. (An normalen Arbeitstagen wurden die Häftlinge zwölf- bis drei- zehnmal gezählt!) Die dreißig Häftlingsbaracken,Blöcke genannt, waren an der Längsachse des Lagers in zwei Reihen so angeordnet, daß in der Mitte eine breite Lagerhauptstraße freiblieb. Die Baracken waren Zwillingsbaracken mit zwei Eingängen und vierStuben. Jede Stube bestand aus einem Tagraum und einem Schlafraum. Bei Überbelag entfiel aber die Teilung und es wurden auch im Tagraum Betten oder Pritschen aufgeschlagen. Bei dreistöckiger Anordnung der Betten faßte eine Stube 90 bis 100 Mann, bei Überbelag wurde auch das doppelte Quantum hineingestopft. Ein Klosett und ein Waschraum, gemeinsam für zwei Stuben, lagen gegenüber dem Eingang. Die Baracken waren gut und wären bei Normalbelag auch hygienisch entsprechend gewesen. Die Wände bestanden aus gepreßten, feuer- festen Platten und waren mit grüner Olfarbe gestrichen. Die Wohn- räume waren licht und gut heizbar soferne Kohlen zur Verfügung standen.

Vor den Baracken lag der Appellplatz, wo bei gedrängter Formation bis zu 20.000 Gefangene Aufstellung nehmen konnten. Dort wurde zur Arbeit angetreten und morgens und abends der:Zählappell gehalten. In der Mitte des Platzes war an einem galgenförmigen Gerüst ein riesiger Lautsprecher montiert, durch den während des Krieges die Heeresberichte verlautbart wurden. Auch bei großen Führerreden wurden die Gefangenen unter dem Lautsprecher ver- sammelt und wir nahmen es symbolisch, daß die Stimme Hitlers von einer Art Galgen zu uns heruntertönte. Da jeder, Fremde, der das Lager betrat, zuerst auf den Appellplatz kam, mußte diese weite Fläche besonders sauber gehalten werden. Eigene Arbeitskommandos, aus Invaliden zusammengesetzt, mußten frühmorgens in einer Linie tiefgebückt über den Platz schleichen und jedes Stückchen Papier , jedes weggeworfene Zündholz aufheben.

Auf der anderen Seite des Appellplatzes, den Baracken gegenüber, stand dasWirtschaftsgebäude, ein sehr niedriger, ‚breit ausladender

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