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Nacht über Deutschland : Erinnerungen an Dachau ; ein Beitrag zur Kulturgeschichte des Dritten Reiches ; aus dem literarischen Nachlaß / von Walter Adam
Entstehung
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Im ersten Österreichertransport wurde niemand unterwegs ermordet und auch die erlittenen Verletzungen waren zumeist leichter Natur. Später ging es nicht mehr so glimpflich ab. Man ließ die Gefangenen, vornehmlich die Wiener Juden, während der Fahrt ,, tiefe Kniebeuge" üben und stieß ihnen dabei ein Bajonett ins Gesäß, oder man befahl ihnen, ein Waggonfenster zu öffnen, und behandelte dann dieses Tun als Fluchtversuch. So brachte jeder spätere Transport auch Tote mit. Man getraute sich nicht, diese Fracht auf dem Ortsbahnhof in Dachau auszuladen, sondern ließ die Waggons auf einem Wirtschaftsgeleise in das Lager hineinschieben. Die Ermordeten wurden gleich verscharrt und eine aus älteren Lagerhäftlingen zusammengestellte Arbeitspartie mußte das Blut in den Waggons aufwaschen.

So geschehen im tiefsten Frieden, im Frühjahr 1938, mit Wissen und unter Aufsicht der höchsten Lagerinstanzen.

Nun stand unser Transport vor dem elektrisch geladenen Stachel­draht. Hunderte von beschäftigungslosen SS - Leuten aller Chargen­grade lungerten im Halbkreis um uns herum, begafften und verhöhn­ten uns. Die erste offizielle Begrüßung auf deutschem Boden sprach der Lagerkommandant SS- Gruppenführer Loritz. Seine Rede in bayrisch gefärbtem preußischem Kasernhofton begann mit den Wor­ten: ,, In diesem Lager herrscht die Prügelstrafe..." Es folgte eine Sturzflut von Drohungen und Beschimpfungen, dann wurde jeder Häftling einzeln vorgerufen und individuell beschimpft, und zwar auf Grund der Begleitpapiere, die die Wiener Gestapo mitgeschickt hatte. Die Prozedur nahm kein Ende. Niemand durfte sich setzen, wehe dem, der sich auch nur an eine Wand anlehnte, um nicht vor Hunger und Müdigkeit umzufallen.

In den ersten Nachmittagsstunden begann die Gestapo zu amtieren: Personalien, Fingerabdruck, photographische Aufnahme. Dort erhielt auch jeder Häftling die Nummer, unter der er fortan lebte. Dann hatten wir die Zivilkleider abzuliefern und einen bunt geflickten Zwilchanzug anzulegen.

In diesem Kostüm erst marschierten wir in kleinen Gruppen durch die Hindernisse in das engere Sträflingslager. Man kommt da über eine Brücke in den Torgang des Dienstgebäudes und an ein Gittertor, das in schönen, handgeschmiedeten Buchstaben die Inschrift trug:

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