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FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF
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Nachmittags.
Es ist ein merkwürdiges Gefühl, sich ergehen zu können ohne die Kindsmagd mit dem Gewehr zur Seite; ohne Beaufsichtigung, wie alle andern ehrlichen Leut' auch. Schon ist die Grenze unserer einstweiligen Abgeschlossenheit bedeutend erweitert: innerhalb des ganzen SS- Lagers dürfen wir uns frei bewegen. Einer meiner ersten Gänge galt dem Porzellan. Wie werde ich die Manufaktur vorfinden? war die Frage, die mich bewegte.
Es war mir sonderbar zumute, als ich so ungehindert dahinschritt, zum Bach, über die Brücke, aufs Kasino zu! Nicht lange ist es her, daß ich eine Kugel riskierte, wenn ich mich ohne Begleitung da sehen ließ. Es schien mir jetzt, ein Leben sei seither verflossen, und doch, sollte ich es glauben: wenn ich nachrechnete, ging ich noch im März hier an aber was für ein Viertelder Kette; kaum ein Vierteljahr jahr!
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Ich lenkte meine Schritte an der Holländerhalle vorüber. Einst wimmelte es hier von unsern Vögten, jeden Augenblick galt es, die Mütze abzunehmen, drei Schritt vorher und drei Schritt nachher. Auch heute sah ich einen Zug SSMänner vorbeimarschieren, Männer jeden Alters. Aber welch ein Unterschied: sie waren die Gefangenen, bewacht von american boys, und der Gefangene von einst war frei. Da war ich auch schon an der Porzellanmanufaktur. Ich trat ein und stand erschüttert vor dem Anblick still, der sich mir bot. Wie sah es da aus? Ausgestorben! Leergebrannt die drei Riesenöfen! Kein Capo mehr und kein Gestreifter, kein Direktor mehr und kein Obmann, kein Cerberus und kein Mannweib! Hier, das kleine Atelier, in dem Josef Sobczak, der polnische Student, einst seine finnischen und anderen Bären bemalte, dieser hübsche kleine Raum hübsch, ja das war einmal. Jetzt, ein Trümmerin Scherben, feld von Bruchstücken: der große Friedrich


