Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
Seite
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ZWÖLF UHR

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Schäflein schwimmen in einem Himmelssee von lieblicher Bläue. Ich bin ja so frei, und niemand darf mir vorschrei­ben, ob ich auf dem Rücken liegen soll oder auf dem Bauch, ob ich träumen soll oder grübeln, ob ich dichten soll oder

denken.

Schwarz heben sich jetzt die Tannen gegen den abend­lich lichtblauen Himmel ab, breiten die langen Arme gegen­einander aus, als ob sie sich die Hand zum Reigen reichen wollten, und über ihnen hat sich ein duftiger, rosiger Schleier gebreitet.

Was wiegt ihr so traurig die Wipfel, und der Mond, was sieht er so schwermütig durchs Geäst, als ob er so recht von Herzen verstünde, was euch bewegt? Ja, ich begreife, ihr verließet noch diesen Augenblick die Stätte, darauf ihr steht, über die ihr eure Häupter schüttelt, wäret ihr nicht so unbeweglich ins Erdreich verwurzelt. Denn wenige Schritte von euch weg haben sich schreckliche Dinge abge­spielt. In das schüchterne Lispeln eurer Wipfel mischten sich die Seufzer von Sterbenden; Tausende blühender Leiber, deren Schönheit den Bau eures Wuchses an Herrlichkeit weit übertraf, haben unter dem Dach, das ihr beschattet, das Ende gefunden und sind in ekelerregender Häßlichkeit zugrunde gegangen, aufgefressen vom gierigen Maule der Flammen. Die Geheimnisse der ,, Baracke X", euch waren sie offenkundig genug, sie, um welche die Mitternacht den Mantel der Verschwiegenheit breiten sollte. Aber es kommt der Tag, der euch den stummen Mund öffnen wird, und an dem ihr Zeugnis abzulegen habt von dem, was sich heim­lich vor der Welt in eurer Nähe zugetragen.

16. Mai 1945.

Dies Heft hat mir heute der Knabe Hiob verehrt. So sei es gleich einem angemessenen Zweck gewidmet; es diene der Chronik seines Freundes, und der erste Eintrag sei sei­nem Gedenken geweiht.