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ZWÖLF UHR 249
„Woher hast du denn, mein lieber Sohn, den wunderbaren Kasernenton“,
bei mir selbst den bekannten Reim eines Ulmer Prälaten abändernd.
Die mächtige Kanzel gähnt uns mit ihrer Leere an. Die Hitze beginnt zu drücken, denn der Wald von Fahnen und Wimpeln, der wie ein Hain von Schachtelhalmen in wenigen Minuten aufgeschossen ist, ist ohne Schatten und bietet keine noch so bescheidene Zuflucht vor des Phöbus stechenden Pfeilen. Eine Wohltat bist du mir jetzt, du Sportmütze mit dem’ schützenden Vordach!
„Long live the Allied nations!“*)
ruft in Siegeszeichen die Ehrenpforte dem heiß erwarteten Manne zu, dessen Uhr wohl einen Hitzschlag bekommen hat, denn schon ist’s fast eine Stunde nach der anberaumten Fröffnungszeit, und immer noch nicht haben wir das Ver- gnügen, ihn zu sichten. Über mangelnde Neugier, auch seine äußere Gestalt zu schauen, wird er sich nicht zu beklagen haben. Denn sogar die Dächer haben sich in Sperrsitze ver-
. wandelt, ja auf der Kanzel, die ihres weiß-gelben Schmuckes
entledigt ist, hat sich ein amerikanischer Berichterstatter mit Kamera Platz verschafft und mit ihm ein halb Dutzend dienstbeflissener Helfer, die doch nicht zu helfen wissen.— Windgasse, der Evangelist, ist bereits des Wartens müde, er hat eine schlaflose Nacht hinter sich und ist im Begriff, sich zu entfernen, nicht ohne seiner sittlichen Entrüstung in einer kurzen dreiteiligen Predigt über die steigende Verwahr- losung des Ordnungssinnes Ausdruck gegeben zu haben. Seht! Hatten sie nicht sogar das Fußballtor erobert und flegelten auf seinem gebrechlichen Dach herum, als wäre es ein Diwan? Ich suche ihn zu beruhigen:„Bald wird hier nicht mehr gespielt noch geflegelt werden. Gib dich zufrie-
*) Hoch leben die Vereinigten Nationen!


