Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
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FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF

Dieses Lob Deutschlands als eines wundervollen Landes aus dem Munde Kingsleys finde ich auf Seite 23 seines ,, Westward Ho!" Wie erfüllt es mich mit wehmütiger Dank­barkeit, aber auch mit brennendem Weh; es hat einmal eine Zeit gegeben, da haben Engländer so freundschaftlich und herzlich von unserm Vaterland gesprochen. O daß es uns vergönnt wäre, in dieser Stunde der Demütigung, die uns auf die Knie zwingt, und der Buße, die es uns verbietet, andere anzuklagen außer uns selber, der Hoffnung zu leben, daß in ferner Zukunft unsere Nachbarn wieder mit Liebe auf uns blicken, weil sie sich reich beschenkt fühlen von all den ,, Wundern eines so wundervollen Landes!"

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8. Mai 1945.

Musik klingt auf es ist doch nicht schon wieder Sonn­tag? O ja, Sonntag feiern wir jetzt alle Tage! Nach der Sklavenfron, die auch den Sonntag zum Werktag machte, wird uns jeder Tag, den Gott uns in Freiheit schenkt, zum Sonntag. Wir sind auf den Appellplatz gerufen, der jetzt keine Appelle mehr sieht. Heute gilt es einer Siegesfeier, bei welcher ein amerikanischer Botschafter auftreten soll, ich glaube: Bullit. So wandern wir wiederum hinter Tuchrecht­ecken her, die mit neuen Inschriften an ein neues Innenleben appellieren:

دو

, Wir deutschen Antifaschisten begrüßen unsere Befreier."

Nebendran leistet das rotspanische Spruchband in immer­währender Druckerschwärze dem Ideal der Demokratie den Schwur unablässiger Treue. Wohlgefällig flattert die spa­nische Trikolore ihren rot- gelb- violetten Beifall. Wir halten. Windgasses, des Evangelisten, Stimme kommandiert aus dem Stegreif: ,, Aufrücken, los!", daß ich mich im stillen wundere: