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streichen:„Wir müssen uns jetzt fügen; wer weiß, ob wir überhaupt in der Kapelle zugelassen werden?“„So“, wehrte ich mich, zornig ob solcher Kleinmütigkeit,„ist das unser Dank, daß wir des Dankes vergessen? Da wird nichts draus! Güt, wir gehen ins Freie, bekommen wir die Kapelle nicht! Aber unsern Gottesdienst halten wir nach wie vor.“ Doch siehe, die Sorge war überflüssig. Wir hielten unsere Dankes- andacht vor dem Altar wie immer. Und heute nachmittag hatten die Holländer sogar ihre eigene Feier über Psalm 124: „Unsere Seele ist entronnen wie ein Vogel dem Strick des Voglers, der Strick’ ist zerrissen und wir sind frei!“ Guillaume, der Prediger, gab eine Auslegung, die aus tief- stem Herzen kam. Vieles konnte ich, obschon des Hollän- dischen völlig unkundig, verstehen, und den Rest verdeut- lichte„der Heilige Gheest“. Ihre alten holländischen Psal- men klangen wunderbar kräftig. Schade, daß sich manche nicht zu einer freudigen Sieges- stimmung aufschwingen können. Sie stoßen Unkenrufe aus, ‘ die der herrlichen Gotteshilfe nicht gerecht werden. Selbst Deutschlands Niederlage kann den Sieg nicht verdüstern, den die Gerechtigkeit errungen hat, denn Hitlers Sieg wäre ‘in Wahrheit Deutschlands Niederlage geworden. Daß wir im Lager nicht mehr die erste Geige spielen, was schadet’s? Ich habe Grund zu fürchten, daß bei einigen Kopfhängern die Ursache ihrer Niedergeschlagenheit daher rührt, daß ihnen das Spiel auf diesem angenehmen Instrument ins- künftig verwehrt ist. So trug jede Volksgruppe ihre Fahne voraus, sogar die Österreicher hatten ihre eigene Farbe, nur das Häuflein der übriggebliebenen Deutschen blieb ohne sammelndes Zeichen. Hart, hart, aber nicht unverdient.. Vom Transport der 8000 trifft schlimme Kunde ein. Die Spitze des Zuges soll nicht mehr leben, nach einigen sogar überhaupt keiner mehr. Armer Parolenmüller, warum folg- test du mir nicht?


