Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
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FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF

Mittwoch, 2. Mai 1945.

Statt der linden Hand der Maiensonne lag heute morgen ein Chemisettechen von weißem Schnee auf den Dächern, gleichsam, als wenn der Winter sagen wollte: ,, Denkt nur nicht, daß ihr mich so schnell los werdet! Ich gebiete noch über Machtmittel, daß ihr staunt, und meine Bundes­genossen sind eure eigenen Herzen mit ihrer Finsternis und eisigen Kälte."

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Hitler tot! Das Radio · jeder Block hat jetzt sein eigenes meldete es heute morgen, gerade als ich auf Block 19 den jungen Franzosen aus der Normandie aufsuchen wollte, mit dem ich zusammen auf dem Allacher Bauplatz arbeitete, und der jetzt plötzlich hier auftauchte. Zum Nach­folger, fuhr der zahnlose unsichtbare Mund fort, habe er Großadmiral Dönitz bestimmt. Leute, die das Gras wachsen hören, und zu denen zähle ich mich selbst in schwachen Stunden, horchen auf und wollen die Mär nicht recht glau­ben. Die einen sagen: ,, Er ist schon lange tot, nämlich seit dem 20. Juli 1944, und jetzt wird das endlich zugegeben"; die andern: ,, Er ist selbst jetzt noch nicht. tot. Er will sich in diesem Sarg als Führer begraben lassen, um als Räuber­hauptmann wieder aufzuerstehen."

Eine neue Art von Armbinden: die Pfarrersbinde. Sie gestattet den Angehörigen von Block 26 von heute ab den jederzeitigen Zutritt zum Revier, um an den Kranken Seelsorgedienst zu tun und den Sterbenden die letzte Weg­zehrung zu geben. Glaubensfreiheit! Wir atmen auf. End­lich wird diesen Männern eine Rehabilitation zuteil; vor­bei sind die Zeiten, da sie nur im geheimen Beichte hören und das Abendmahl austeilen konnten und die Gefangenen sich nur verstohlen und einen Fuß im Grabe sich zur Pre­digt schlichen, als ob es kein todeswürdigeres Verbrechen gäbe, als das Wort Gottes zu hören.