Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
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FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF

zurückzukehren, als ihm klar wurde, daß er unter Umstän­den auf das Mittagsmahl verzichten müsse. Ich halte noch eine und eine halbe Stunde aus, der Diätkoch speist mich in­zwischen mit Brot und Wurst. Lesend verbringe ich die Zeit auf den Bänken, die in dem langen Gange stehen. Ich wundere mich nicht wenig darüber, daß die Wärter, die jetzt alle eine Binde des Roten Kreuzes am Arm tragen, gegen ihre Ge­wohnheit mich nicht unduldsam verscheuchen. Daran ist sicher die Binde schuld, mit deren Symbol ein neuer Geist der Menschlichkeit in ihnen eingezogen zu sein scheint. End­lich wage ich den Schritt und interviewe Dr. Blacha. Ich überrasche ihn beim Sonnenbad im schönsten Röstzustande, braun wie eine Kaffeebohne. Statt mich, wie er müßte, zu schassen, läßt er mich geduldig meine Beschwerden berichten und stellt zweckpessimistisch eine wahrscheinliche Nieren­entzündung fest. Da müssen sie dich mindestens unter­suchen. Das können sie aber des Urins wegen vor morgen früh nicht tun, und du bist über den toten Punkt hinweg." Vorsichtig versuchte ich noch auf eine weitere Taste zu tippen: ich fragte, ob er nicht veranlassen könne, daß ich im Revier Aufnahme finde? Aber ich bin nun einmal kein Prominenter, und seine landsmannschaftliche Gefälligkeit hat ihre Grenzen. Freundlich lehnt er ab, das gehe über seine Zuständigkeit hinaus. Nun, ich bin ihm dennoch zu Dank verpflichtet und kehre auf den Block zurück, ver­wundert darüber, wie oft ich es schon in diesem Äon er­leben darf: ,, Ihre Werke folgen ihnen nach."

Von M. dem Sterngucker höre ich, die Generäle hätten um Waffenstillstand nachgesucht. Von den Sternen hat er dies nicht, deswegen braucht es aber doch nicht aus der Luft gegriffen zu sein. Übrigens scheint er seiner Liefer­firma Mars, Jupiter& Co. nicht mehr recht zu trauen. Woher käme es sonst, daß er in dem Augenblick, da ich ihn hier abknipse, seinem Freund und Postkollegen, dem gräf­