DER VERNICHTUNGSTRANSPORT 189
nicht ohne vorherige Untersuchung. Die Pfarrer, von denen wohl der größere Teil noch da ist— wer kann im Lager von sich rühmen, er sei gesund?— sie sandten eine Art Abordnung an den Kommandanten, um endlich klar zu er; fahren, wessen sie sich zu versehen hätten. Der Mann empfing sie freundlich(ein Zeichen der Zeit!) und ver- sicherte ihnen feierlich, daß für die deutschen Geistlichen, "soweit sie nicht marschfähig seien, ein Abtransport nicht in Betracht komme.
Die„Untersuchung“ gibt mir zu denken. Ich weiß, wie oberflächlich vorgegangen wird, meist ist’s nur eine Form- sache„ut aliquid fieri videatur“*). Wer könnte da mir hel- fen? An wen wende ich mich? Hennig, Mazaryks Sekretär und mein alter Freund, fällt mir ein. Er hat großen Einfluß auf die böhmischen Ärzte. Ihn bitte ich, einen tschechischen Doktor dazu zu bewegen, daß er mich vorher unter die medizinische Lupe nehme, damit ich selber einmal klar sehe, da mir die Untersuchung des Häftlingsarztes seinerzeit reich- lich vom Zweckoptimismus bestimmt zu sein dünkte. Hennig bringt es sogar zuwege, daß einer der ersten Doktoren, eine Lagerberühmtheit, zusagte, die Sache zu machen. Der be- stellt mich wirklich, nur leider erst auf fünf Uhr. Bis da- hin kann die Katze aber schon den Baum hinauf sein.
Was fange ich nur an? Eine Reihe von Prominenten findet nach altem Brauch im Revier eine Zuflucht. Sie verschwin- den einfach, gelten als krank und sind gerettet. Aber ich gehöre halt nicht zu den Prominenten. Um elf Uhr läßt es mir keine Ruhe mehr. Ich entschließe mich, den Doktor jetzt schon aufzusuchen, koste es, was es wolle. Versäume ich den Appell, so versäume ich ihn— wer hat mir noch etwas vorzuwerfen? Ich schleppe den Knaben Hiob mit, um ihn auch zu retten, kann ihn aber nicht hindern, auf den Block
*) Damit es scheine, als geschehe etwas.


