FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF
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tige Lagerkommandant", flüstert der Nachbar, der es nicht mehr erwarten kann, mit seiner Weisheit solange zurückzuhalten, bis wir mit unserer langen Leitung ihr auf die Spur kämen. So fährt er noch geheimnisvoller fort: ein preußischer Prinz sei es, der dritte Sohn des Kronprinzen, der vielleicht Kaiser geworden wäre. Na, Kaiser wäre er als dritter wohl nicht geworden", warf ich ein, als alter Verehrer des Kaiserhauses entsetzt über die Unwissenheit, die in modernen Hirnen über eine so wichtige Frage Platz greifen konnte. Immerhin war ich überrascht von der Eröffnung und sehr befriedigt, denn schon lange wußte ich von der Anwesenheit eines Hohenzollernprinzen und sonstiger hochgeborener Haftgenossen. Nie war es mir indessen gelungen, einem davon zu begegnen, was in Anbetracht der hohen Einwohnerzahl in unserer Stadt etwa 30 000 kein Wunder ist. Ich sah mir den Prinzen daraufhin etwas näher an, aber wirklich, da war kein Unterschied zu entdecken zwischen dem Hochgeborenen und den andern, höchstens eine gewisse Ähnlichkeit mit dem hohenzollerschen Schnitt des Gesichts; auch diese stellte ich freilich erst fest, nachdem ich über die vorliegenden verwandtschaftlichen Beziehungen zum Kaiserhause bereits unterrichtet war.
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zur Zeit
Heut, am Sonntag, begann ich mit der Lektüre des Roeines Buches, mans ,, Hunger" aus Knut Hamsuns Feder das zu Beginn der verschärften Hungerzeit wohl sehr nützlich und gut zu lesen sein dürfte. Von morgen ab soll es ja statt eines Siebentels nur noch ein Achtel Brotes geben, und das Essen soll um ein Zehntel gekürzt werden; ein Jammer, daß der Magen das Bruchrechnen noch schlechter lernen will als der Kopf. Ein bemerkenswert großer Schritt auf der Vollkommenheitsleiter zur Vereinfachung und Entfeinerung! Der„ V.B." kann seine helle Freude daran haben,


