142 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF
zeitig freute ich mich darüber, daß bei ihm noch soviel von der Lektüre des Heimschen Werkes:„Glauben und Denken“ hängengeblieben war, das ich ihm vor Jahresfrist empfohlen hatte, kurz nachdem ich es in die Lagerbücherei geschmuggelt hatte. Vor Jahresfrist— ist es denn schon so lange her, daß wir uns kennen? Wahrhaftig! Am Oster- montag vorigen Jahres war es, daß ich ihn ebenfalls in eine Predigt von den Hertog geschleppt hatte. Und doch ist es mir, als ob es erst dieses Jahr gewesen wäre.
Soeben traf ich Windgasse, den Evangelisten, auf der Lagerstraße. Unser erstes Wort galt der Predigt von heute morgen. Auch er ist noch voll von dem unverwischbaren Eindruck, den sie auf ihn gemacht. Kein Wunder, entsprach sie doch seiner eigenen Grunderkenntnis, die wiederum, ohne daß er etwas von ihnen gehört hätte, von den großen Lehrern der Kirche neu entdeckt und der akademischen Jugend in der Kraft des Geistes und hinreißender Bered- samkeit gelehrt wurde. Wir lernten erst von ihnen wieder, was es für etwas Befreiendes um das Evangelium von der Auferstehung ist. Beseligende Leichtigkeit strömt von ihm aus, alles eigene Wirken fällt von selbst dahin. Wo bleibt auch nur die Möglichkeit, die Gnade zu verdienen oder mit ihr zu wirken, wenn unsere Sünden der Vergangenheit angehören?
Ein Gestreifter taucht im Türrahmen auf, ein Häftling wie jeder andere auch. Doch mein Nachbar zur Linken ruft seinem Freunde in bedeutungsvollem Tone mit verhal- tener Stimme zu:„Was denkst du wohl, wer das ist?“ Der bekennt seine Unwissenheit: er findet gleich mir keinen Unterschied zwischen ihm und jedem andern beliebigen von uns, nur daß er vielleicht ein wenig wohlgenährter aus- schaut. Aber die paketgeschwollenen Belgier und Franzosen
sehen noch wohlgenährter aus als er.„Das ist der zukünf-


